Dresden: Unter Rollkoffern
Penelope sitzt in Ithaka und fragt sich, warum ihr Mann nicht nach Hause kommt. Schließlich ist der Krieg schon seit einiger Zeit vorbei. Von den vielen Möglichkeiten, die die Gattin des Odysseus in Gestalt von Karina Plachetka rampennah durchspielt, hält sie die letzte für die wahrscheinlichste: «Er will nicht zurückkommen», spricht sie tapfer ins Parkett hinunter, und ihre Kolleginnen Luise Aschenbrenner und Eva Hüster pflichten ihr entschlossen bei.
Also beginnt Penelope «mit den Jahren, sich mit verschiedenen Männern zu treffen» und bleibt bei einem Pädagogen hängen, der neben einem multifunktionalen «Kleinwagen» auch über die Fähigkeit verfügt, ihr postkoital «Geschichten» zu erzählen – und zwar von ihrem Mann. Das ist natürlich insofern clever und dramaturgisch höchst praktikabel, als so ein narrationsbegabter Oberlehrer nicht nur mühelos Ithaka und Irrfahrt, mithin den Penelope- mit dem Odysseus-Plot verlinken, sondern auch dreifach dick die Unschärferelation zwischen Faktum und Fake unterstreichen kann, die der gemeinen Legendenbildung so innewohnt.
So sieht der altgriechisch Homersche Casus also aus, wenn er – namentlich von Roland Schimmelpfennig – ...
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