Dortmund: Gemischtwarenladen der letzten Dinge
Verschwenderisch zischt die Ursuppe aus der Nebelmaschine, unheilvoll dröhnen die Bässe, tuten die Hörner. In archaisches Theaterdampfen ist die Bühne gehüllt, der Anbeginn der Welt, der Nebel des Unwissens, aus dessen Untiefen auf der Drehbühne langsam Gestalten anfahren, erst eine, dann zwei, dann mehr. Sie tragen weiße Kleidchen und kahle Köpfe, wie gleichgeschaltete Sektenmitglieder tanzen sie mit ausgestreckten Armen um eine Orgel, die langsam von der Decke schwebt: eine Götzenanbetung der Kunst, die nun einmal wie Gott nicht für jeden erreichbar ist.
Und dann durchkreuzt ein schwarzgefederter Oberguru die Feierlichkeit, als er mit großer Machogeste endlich schafft, das Instrument zu spielen. Womöglich stellt sich Regisseur Arnarsson hier selbstironisch selber dar: der Künstler als autoritärer Behauptungsgott. Großkünstlerambitionen kann man dem designierten Schauspieldirektor der Berliner Volksbühne gewiss nicht absprechen.
Gefühlte zwanzig Minuten dauert die still-bombastische Schöpfungserzählung, bevor die Textmischung beginnt: Nach und nach werden einzelne Schauspieler an die Rampe gedreht und geben Kostproben dessen, was sich aus der Biografiearbeit mit rund hundert ...
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Theater heute August/September 2019
Rubrik: Chronik, Seite 56
von Dorothea Marcus
11. März 2004: In Madrid ist es 7.39 Uhr, als die erste Bombe hochgeht. Neun weitere Detonationen folgen: in vier Vorortzügen, in denen dicht gedrängt Pendler zur Arbeit, Kinder zur Schule und Studierende zur Uni fahren. 191 Menschenleben forderte das Attentat. Noch Jahre danach wird ein Vater immer wieder die Bahnstrecke abfahren, in der Hoffnung, seine Tochter...
Klingt entschieden endzeitlich, was sich Christoph Marthaler als Neuproduktion für die Ruhrtriennale vorgenommen hat: «Nach den letzten Tagen. Ein Spätabend». Die Musik dazu «erklingt in einem imaginären Parlament, in dem Abgeordnete dokumentierte Reden aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, der Gegenwart und der nahen Zukunft halten, die katastrophale...
Übermut ist diesem Peer fremd. Er ist ein Träumer nicht aus Lust, sondern aus Not: Seine Träume sind verdrehte Fluchtversuche, sucht er doch im Eskapismus die Anpassung, im Ausbruch den Einbruch, sehnt er sich doch nach Zugehörigkeit und Heimkehr. Seine Großmannsfantasien sind ein fortwährendes Ringen um Liebe und um Anerkennung, das ebenso fortwährend scheitern...
