«Diese Generation hat überhaupt kein Ziel»
Prolog
Wie sich im Laufe des letzten halben Jahres herausgestellt hat, gibt es keinen Sektor des Lebens, der Kultur, der Politik, keine Betätigung zwischen Fußball und Fallenstellen, die nicht ihr 68 gehabt hätten. Die hinter uns liegende Zeit besonders intensiver Debatte darüber, was das eigentliche 68 gewesen wäre, das Wesen von 68 nämlich, im Gegensatz zum falschen Schein seiner Verklärung oder Dämonisierung, hat aber vor allem dieses Argument vorgebracht: Das 68, von dem Sie reden, war nicht mein 68.
68 zerfiel in eine Reihe von individuellen Lebensgeschichten, die vor allem als Geschichten erzählt wurden, wie die Betreffenden seitdem versuchen, entweder die Tatsache los zu werden und dafür aktive Buße zu tun, dass sie je ein 68er waren. Oder aber davon, wie noch jede Wende, jeder opportunistische Winkelzug einer Karriere sich durch einen zutiefst revolutionären Heroismus begründen lasse, der in der Erfahrung von 68 begründet sei. Meistens wurde für die Relevanz der jeweiligen Deutung keine andere Begründung herangezogen als eben die biografische und der mit ihr verbundenen Agnostizismus: Ich weiß ja nicht, wo Sie 68 waren, aber ich war an der FU (Götz Aly1) – Ich war längst ...
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Martin Wuttke ist jetzt «Tatort»-Kommissar. Das ist keine Schande, aber doch ein klarer Schnitt. Er ist einer der auffälligsten und profiliertesten Schauspieler seiner Generation, hat über 400-mal Arturo Ui gespielt in Heiner Müllers hinterlassener Brecht-Inszenierung, war ein kurzes Jahr dessen Nachfolger als Intendant des Berliner Ensembles und gehörte dann über...
Dieser Mann muss sich mit der Kneifzange rasieren. Zu viele Hormone. Schnurrbart ist kein Wort für den borstigen Oberlippen-Propeller im zarten Gesicht des Jens Harzer. Jack Nicholson spielte einst in Roman Polanskis «Chinatown» den halben Film mit einem Nasenpflaster im Gesicht, und schon dieser Fremdkörper war eine Zumutung. So ähnlich müsste es doch Harzer mit...
Nicht zu übersehen, die Bühnenbildner des Jahres. Die drittplatzierte Muriel Gerstner (Preisträgerin 2006) hat für Sebastian Nüblings Uraufführung von Simon Stephens’ «Pornographie» ein grandioses Puzzle mit Breughels Turm von Babel entworfen, das nicht nur als Großmetapher dient, sondern die Schauspieler in und zwischen den Szenen ausführlich beschäftigt: als...
