Die Vorstadt als Kunstwerk
Man war ja schon einiges gewohnt. Mit Boris Sieverts hatte man bei Schneefall den unwirtlichen Kölner Norden durchwandert. In einer Open-Air-Performance von «Der Bus» war man durch Wälder und Tümpel unweit des Kraftwerks Goldenberg gestreift, als auch der zweite Vlies-Pullover nichts mehr gegen die klirrende Kälte auszurichten vermochte. Dann aber hockte man mit knapp 30 Zuschauern in der unbeheizten Orangerie am Volkspark (wo der Weg zum Sanitärtrakt direkt durch die Garderobe des Schauspielers führt).
Und spätestens da, als der Bühnenerzähler Arjun Raina inmitten seines Stücks über die entfremdeten Arbeitsbedingungen indischer Call Center Agents kurz ausstieg, um sich von einem der leeren Publikumsplätze eine Wolldecke zu greifen, wurde letztgültig eingebläut, was «Freie Szene» leider allzu oft auch bedeutet: den ultimativen Härtetest – für alle Beteiligten.
«Echt» hatten sich die Macher der siebten Ausgabe des Festivals «Politik im Freien Theater» auf die Fahnen geschrieben. Um Erkundungen zeitgenössischer Wirklichkeit sollte es gehen. Und zumindest die durchschnittliche Wirklichkeit der freien Theaterszene wurde hier recht gut eingefangen und an den Besucher weitergereicht. ...
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Amerikanische Dramatiker lieben es, wenn sie beim Schreiben dreckige Hände kriegen. Mit Hingabe buddeln sie tief, um epische Groß- und Kleinfamilien durch den Morast ihrer Beziehungsgeschichten zu schicken, lassen die Leichen im Keller lange Schatten werfen und weiden Lebenslügen bis zur Katastrophe aus. Zur Liga von Tennessee Williams, Eugene O’Neill, Arthur...
Band 1 1965–1987
Was in Deutschland überhaupt schlecht funktioniert, ist das Mittlere. Es gibt nur Superspitzenprodukte und Scheiße, das Mittlere hat, als Quantität, nicht stattgefunden – in allen Kunstgenres, glaub ich. Es hat nie eine Mitte gegeben. mit Harun Farocki, 1981
Mein Hauptinteresse beim Stückschreiben ist es, Dinge zu zerstören. Dreißig Jahre lang war...
Christoph Schlingensief kommt nach wie vor gern auf die Bühne. Vor der dritten Aufführung des «Zwischenstands der Dinge» hält er vor den rund 70 Zuschauern, die in das kleine Gorki Studio passen, eine schnelle, atemlose Ansprache. Er berichtet von «einem neuen Zwischenstand», der «scheiße» aussähe, philosophiert über Kritiker, die verwirrt konstatiert haben, dass...
