Die Unfähigkeit zu lügen
Es ist, als ob das Leben selbst gestorben wäre.» Das sagt man so, wenn man sehr traurig ist. Aber auf Christoph Schlingensief bezogen ist dieser Satz, den Elfriede Jelinek unmittelbar nach seinem Tod äußerte, mehr als vage Trauerprosa, die man hinschreibt, um seine Betroffenheit zu zeigen. Vielleicht verkörperte er tatsächlich das Leben. Umfassender als die meisten Lebenden.
In einer Welt, in der man den Verdacht Adornos – «Das Leben lebt nicht» – nicht loswird, in der sich hinter der Konvention, der Funktionalität und der Logik des Verwaltungsdenkens Sterilität und Leere ausbreiten, bilden Manifestationen des Lebendigen die Ausnahme. Sie sind verdächtig. Nicht normal. Schlingensief war tatsächlich eine Bedrohung, selbst für viele, die ihn verehrten und ihm künstlerisch nahestanden, weil er den Konsens, den er suchte, immer auch unterlief. Ein Unsicherheitsfaktor. Kein kommerzielles Unternehmen hat ihn als Werbeträger engagiert, obwohl er vom Typ her ideal gepasst hätte und manchmal sogar dazu bereit gewesen wäre. Er war für die Lebenssimulation zu kommerziellen Zwecken nicht geeignet, weil das Leben sich keinen Zwecken unterwirft. Er unterwarf sein Leben keiner verlässlichen ...
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