Erodierende Realitätswahrnehmung

Elfriede Jelinek «Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!»

Theater heute - Logo

Elfriede Jelineks Stück «Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!» gleicht einem Flug durch den gewaltigen Nebel an Gerede, der sich im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie vor allem in den digitalen Medien ähnlich rasant verbreitet hat wie das Virus selbst. Bemerkenswert ist, wie Jelinek im lauten Streit «aufrichtiger Meinungen» ein Netz verdeckter Korrespondenzen entdeckt.

Welchen Standpunkt sie in ihrer ständig nomadisierenden Autorinnenschaft auch bezieht und gleich wieder verlässt: Blind und taub für das Gegenüber, aber auch für eigene Abgründe, gehen bei ihr letztendlich alle Ansprüche auf «Wahrheit» in einem freiwillig-unfreiwilligen Gelächter zu Bruch. 

Besonders laut melden sich in dieser Kakofonie Anhänger:innen von Verschwörungsmythen zu Wort, die sich wütend gegen die vermeintliche «Corona-Diktatur» der «Mächtigen» wenden, Bill Gates als Strippenzieher anprangern, Handymasten anzünden, weil sie einen Zusammenhang mit der Verbreitung des Virus sehen, oder die Gefährlichkeit von Covid-19 herunterspielen. Der schnelle Reflex legt nahe, diese Positionen als Spinnereien abzutun. Doch die Penetranz, mit der Jelinek deren Vertreter:innen ihre vermeintlichen Feinde als die ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Jahrbuch 2021
Rubrik: Neue Stücke, Seite 145
von Rita Thiele

Weitere Beiträge
Am Gelde hängt doch alles

Im Jahr 1916 erscheint Franziska Gräfin zu Reventlows Buch «Der Geldkomplex». Es spielt in einem Setting, das wir von Thomas Manns acht Jahre später erschienenem «Zauberberg» gut kennen: einem Sanatorium. Reventlows Hauptfigur leidet, ähnlich wie die Autorin, an permanenter Geldknappheit. Nach neuestem medizinischen Wissensstand der Freudschen Psychoanalyse wird...

Die Gespenster sind wir

Am 6. Januar 2021 gingen plötzlich verstörende Bilder um die Welt: Marodierende Proud Boys zogen durch die Flure des Capitols. In den letzten Jahren entwickelte sich eine ganze Ikonografie von Bildern, die aus verschiedenen Perspektiven den Gedanken aufwerfen, dass unsere Art zu leben ganz und gar nicht alternativlos sein könnte und mithin die sie repräsentierenden...

Mehr Respekt und Würdigung

Die Pandemie und der Lockdown mit dem vielfachen Streamen von abgefilmtem Theater haben der Weiterentwicklung des «Digitalen» an der Bühne möglicherweise einen Bärendienst erwiesen. Seit Jahrzehnten arbeiten wir Videokünstler und Videokünstlerinnen mithilfe des Einsatzes innovativer digitaler Technologie mit Hingabe, großer Sorgfalt und Präzision an der Akzeptanz...