Die schlechtestmögliche Wendung
Eine Erbauungsliteratin war Sibylle Berg ja noch nie. Aber gemessen an ihrem jüngsten Roman «GRM» – Untertitel: «Brainfuck» – nehmen sich ihre illusionsfrei vor sich hin sarkastelnden Theaterfiguren der letzten Jahre geradezu philanthropisch aus.
«GRM» spielt in einem düsteren Großbritannien nach dem Brexit und ist auch ansonsten eine Art Gesellschaftsreport aus der allernächsten Zukunft.
Sei es die Künstliche Intelligenz, der Populismus oder der Kapitalismus im Allgemeinen, inklusive des ökonomischen wie mentalen Auseinanderdriftens der Spezies: Alles, was uns zurzeit so umtreibt, real und/oder medial, hat sich in «GRM» schon eine Umdrehung weitergeschraubt und selbstredend die schlechtestmögliche Wendung genommen.
Die Einführung des «bedingungslosen Grundeinkommens» zum Beispiel, in dessen Folge zunächst seit langem mal wieder so etwas wie eine kleine Vitalitätszuckung durch die dezidiert unsozial abgehängten Sozialbausiedlungen geht, ist lediglich zynisches Mittel zum bösen Zweck: Mit den Daten, die die bedürftigen Bürgerinnen und Bürger den «Endgeräten» beim Registrierungsprozedere praktisch auf dem Silbertablett anvertrauen, navigieren sie sich endgültig ins ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Dezember 2019
Rubrik: Büchermagazin, Seite 47
von Christine Wahl
Wer ist der Gott des Rausches und der Lust? In Jan Philipp Glogers Nürnberger Inszenierung ist Dionysos ein geschlechtlich undefinierbares Wesen, dem die prüde, brav-bürgerliche Gesellschaft nicht traut: Das Fremde ist perfide und trägt verschiedene schillernde Kostüme. Am Ende feiert eine queere Truppe fummel- und farbenfroh den Sieg über das konventionelle Denken...
«Azione», ruft Milo Rau. Blutend wird Jesus die engen Gassen hinaufgetrieben. Hinter ihm, in der kühlen Sonne des frühen Oktobertages, weiten sich wie gestapelte Bausteine die Höhlen der Sassi im süditalienischen Matera, seit 1993 UNESCO-Weltkulturerbe und 2019 europäische Kulturhauptstadt. In Matera wurden schon viele Jesus-Filme gedreht, am bekanntesten das...
Was bleibt von der flüchtigsten und der lebendigsten aller Kunstformen, dem Tanz, wenn die Bewegungen verschwunden und die Körper, die sie tanzten und formten, längst tot sind? Vereinzelte Dokumente, Briefe und Fotografien, Notizen und Kostümteile, die in Archiven leblos vor sich hin dämmern. Das Verhältnis von Tanz und Archiv beschäftigt nicht nur die...
