Die Rokoko- Kokotte

Nino Haratischwili «Le petit maître»

Theater heute - Logo

Haltbare Folgen hat der Betrug, doch keine Konsequenzen – sieben Jahre lang führt Paul, aus der Berliner Firmenzentrale nach Paris versetzt, ein Doppelleben an der Seine: mit Mathilde, die er in einer Ausstellung kennengelernt und die sich ihm als Kunst-Journalistin vorgestellt hat, und Natascha, der Mutter des gemeinsamen Kindes. Aber im Grunde steht er ihr und Sohn Max nur einen Monat im Jahr zur Verfügung – zur Urlaubszeit im August.

Den Rest des Jahres verturtelt der vordergründig sanfte, aber hoch erotomane Macho mit Mathilde im eigens angemieteten Liebesnest; und dort betet er sie gerne an: wie ein Kunstwerk aus dem üppig schwelgerischen Rokoko. Wie grundsätzlich künstlich alles an ihr ist, erfährt er aber erst zum Schluss – da liegt die Geschichte vier oder fünf Jahre zurück. Mit der immer noch streitbar (und sehr zu Recht) eifersüchtigen Natascha hat Paul das zweite Kind gezeugt, und auch Mathilde hat jetzt eins; es ist vier oder fünf Jahre alt. Doch schrieb sie niemals über Kunst – sie steht als sanfter Pierrot im Kostüm an der Ecke. Eine Straßen-Musikantin, verloren in der großen Stadt – und so, das erfährt Paul jetzt, hat sie schon immer gelebt. Auch zu seiner Zeit.

Das ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute August/September 2007
Rubrik: Chronik, Seite 63
von Michael Laages

Vergriffen
Weitere Beiträge
Showmasters of the Universe

Und einmal ist doch Schluss mit lustig. Schluss mit Blindsein. Schluss mit so tun als ob. Clov reicht es. Der Diener, der eine altgediente Ehefrau ist, verliert die Nerven und die Spielcontenance und schlägt zu: Die spiegelnde Sonnenbrille fliegt Hamm vom Gesicht, und dahinter ist der Blick: der Matthes-Blick, nackt, stier, angstge-peinigt. Und der Schrei: «Lass...

Geht auch ohne Worte

Dies ist das Protokoll eines übergroßen Unverständnisses, ja eines Nicht- oder vielleicht gar Missverständnisses. Eines lupenreinen Nicht-Verstehen-Könnens, was an einer bestimmten Produktion namens «Alkestis», verfasst von Euripides, inszeniert von Emma Dante, gut sein soll. Wo, außer im rein Dekorativ-Possierlich-Possenreißerischen, sich denn da ein Sinn...

Im Mühlrad der Bilanzen

Alles Lebensglück der Buddenbrooks wurzelt in ihren Bilanzen; und die sehen schlecht aus. Von einstmals 900.000 Vermögen sind der Lübecker Kaufmannsfamilie in der dritten Generation noch 750.000 geblieben. Es hätte längst «eine Million» sein sollen, erinnert Stammhalter Thomas Buddenbrook an das merkantile Wachstumsversprechen der Seinen, während er selbst zum...