Die Propagandistin
Bisher standen Publikumsgespräche ja nicht unbedingt im Verdacht, zu den kontroversesten Genres des Bühnen-Business zu gehören. Zumindest nicht unter den beteiligten Schauspielern: Man gibt kollektiv Auskunft, wie man die schieren Textmassen bewältigt, welcher Inspirationsquellen man sich bedient oder womit man – im aufregendsten Fall – den Regisseur getriezt hat; that’s it.
Es sei denn, man hat das vitalisierende Glück, einen Abend mit Bibiana Beglau zu erwischen.
Zum Beispiel die Podiumsdiskussion zu Dimiter Gotscheffs Münchner Heiner-Müller-Inszenierung «Zement» im Rahmen des Berliner Theatertreffens diesen Mai. Schon während Beglaus Spielpartner Sebastian Blomberg weiträumig konsensuell herleitet, warum sich das im Sowjetrussland der frühen 20er Jahre spielende Stück über die ersten Utopieverluste beim realsozialistischen Aufbau anno 2014 im Münchner Residenztheater an der Maximilianstraße – diesem «ganz anderen Utopia» namens Gucci und Prada – anfühle wie «ein Raumschiff» aus der maximal entferntesten Galaxie, zeichnet sich auf Beglaus Gesicht deutlicher Widerspruch ab.
«Moment mal», wirft sich die (übrigens in Berlin lebende) Schauspielerin zur Rettung der bayrischen ...
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Theater heute Jahrbuch 2014
Rubrik: Die Spieler des Jahres, Seite 138
von Christine Wahl
Bibiana Beglau hat Lust am Widerspruch – das bekommen gelegentlich auch Mitspieler bei Publikumsgesprächen zu spüren: die Schauspielerin des Jahres.
Peter Kurth muss mal ein sehr aktionistischer Schauspieler gewesen sein – bevor ihn ein paar ältere Kollegen beim Bier beiseite genommen haben: der Schauspieler des Jahres.
des dichters dichtung ist abbildung und revision des verfahrens leben zugleich.» Diese Beschreibung des dichterischen Verfahrens von Fritz Kater wird hier von ihm in einem «buch» angewandt, das sich aus fünf Büchern zusammensetzt und über die Bestandteile des Lebens erzählt, wie die Heimsuchung durch Sorge und Krankheit, den Unterschied zwischen Utopie und Fantasie...
Die einzige Kirche, die erleuchtet ist, ist eine, die brennt.»
Dieses Stück ist eine Zumutung. Es beginnt mit einer elend langen Hasstirade, dem Monolog einer alternden Frau, bestehend aus anklagenden Hauptsätzen voller Obszönitäten. Es steigert sich zu einer Aufzählung von Psychopharmaka, die in alphabetischer Reihenfolge ausgespuckt werden. Ein präpubertärer...
