Die post-performative Wende
Am Eingang des beinahe dunklen Raumes hat sich ein Stau gebildet. Einige wollen raus, andere rein. Diese wollen, so scheint es, nicht in etwas hineingezogen werden, was sie nicht überschauen und was ihnen ganz buchstäblich unheimlich ist, jene sind sich nicht sicher, ob die sich stauende Menge Teil des Kunstwerks ist oder vielmehr dieses vor ihren Augen verdeckt. Es dauert also ein wenig, bis man in dem großen Raum, der in seiner Höhe wie seiner leichten Verlottertheit den Charme eines heruntergekommenen Ballsaals hat, angekommen ist.
Und wenn man schließlich eingetreten ist, dann sieht man zunächst einmal: nichts. Oder besser: beinahe nichts. Denn tatsächlich erkennt man schemenhaft, dass sich Tänzer – oder doch zumindest Performer, die tanzen – um einen herum bewegen. Einer steht nahe neben mir. Ich spüre seinen Atem, höre seine Bewegungen in nächster Nähe, auch wenn ich ihn nicht erblicke, jedenfalls nicht ganz. Andere stehen nicht weit entfernt, doch ich bin nicht sicher, ob sie Besucher sind wie ich oder Performer und insofern Teil des lebendigen Kunstwerks, das in diesem eigenartigen Raum stattfindet, in den wir vom Hinterhof des Hugenottenhauses, mitten in Kassels Zentrum, ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Dezember 2012
Rubrik: Theorie, Seite 42
von Nikolaus Müller-Schöll
Selten hat in Berlin eine Kuratorin die Gemüter so schnell gespalten wie die Belgierin Frie Leysen. Und das, obwohl ihr Festival «Foreign Affairs» nur einen Monat dauerte und im nächsten Jahr, wenn Leysen für die hochdotierten Wiener Festwochen arbeitet, schon wieder eine andere Handschrift tragen wird. Für ein einmaliges Zwischenspiel fiel die Reaktion heftig aus:...
Bei lebendigem Leib zerstückelt, mit Fußtritten getötet, vom Auto überfahren – tote Kinder sind in Dea Lohers Literatur ein ständig wiederkehrender Schock, um von der Hilflosigkeit des Trauerns zu erzählen. Das verzweifelte Ringen um Tapferkeit, das als Leitmotiv seit Anfang der Neunziger ihre Stücke und auch ihren jüngst erschienenen Roman «Bugatti taucht auf»...
Wer möchte in dieser Haut stecken? Die etwas über 50-jährige Ich-Erzählerin in Friederike Mayröckers «Reise durch die Nacht» kreist weitgehend formlos um einen toten Vater, zwei möglicherweise früh verstorbene Kinder, diffuse Erinnerungsblitze, Probleme mit dem Erzählen wie mit dem Handeln, ihre panisch betriebene «Schreibarbeit», eine unverzichtbare, dabei...
