Die neuen Held*innen
Einen besonders heldischen Eindruck macht Clara nicht. Alleinstehend, Mitte 40, mit heftig pubertierendem Sohn, der beim Vater und seiner neuen Freundin lebt und den sie nur am Wochenende sieht. Sie ist eine von Ewald Palmetshofers «Verlorenen», dem Stück des Jahres, die zwar erkennbar von der Erfolgsspur abgekommen sind, die eine urbane Mittelklasse vorzeichnet, aber wo sie dabei genau gelandet sind, ist nicht so richtig auszumachen.
Gescheiterte? Vor wem und an was? Sie alle befinden sich nach wie vor in einem halbwegs gesicherten sozialen Gefüge dieses Landes, sie alle sind vielleicht abrutschgefährdet, aber noch lange nicht abgestürzt, sind mit ihren Leben allerdings mehr oder weniger unter den eigenen Erwartungen geblieben. Vereinzelt, aber nicht bindungslos, nimmt sich Clara eine Auszeit, sucht Distanz und Klarheit in einem unübersichtlich gewordenen Leben, tritt einen Schritt heraus aus einer Gewohnheitsordnung, in der sie sich fremd geworden ist. Am Ende stirbt sie, ein letztes Mal aus dem Gleichgewicht geraten, einen eher zufälligen, reichlich überflüssigen und maximal grausamen Tod.
«Helden» ist ein schlüpfriges Wort. In Krisen verwendet man es für die vielen tapferen ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Jahrbuch 2020
Rubrik: Höhepunkte des Jahres, Seite 92
von Franz Wille
Grad noch Büchner, jetzt Euripides. Es ist bemerkenswert: So gut wie ausschließlich klassische Stoffe hat Leonie Böhm auf die Bühne gebracht. Angefangen mit «Nathan die Weise» 2017 am Thalia-Theater und «Yung Faust» 2019 an den Münchner Kammerspielen – beide eingeladen zum Festival Radikal Jung. Dann «Fuck Identity, Love Romeo» (Bremen), «Die Räuberinnen» (München)...
Was wird anders nach Corona? Angesichts der Entscheidungen, die wir als demokratische Staaten bereits getroffen haben: rein gar nichts. Milliardenhilfen wurden für jene Sektoren beschlossen, die an der Zerstörung unserer Lebensgrundlagen den entscheidenden Anteil hatten. Sie können ihre Arbeit nun zu Ende führen: Fluggesellschaften, Erdöl- und Autokonzerne....
Das war’s mit dem Anthropozän. Der Mensch ist nicht mehr die treibende gestaltende Kraft auf Erden, genau genommen gibt es ihn nicht mehr, er existiert nur noch als Erinnerung in Robotergehirnen. Immerhin scheint die Erinnerung ziemlich präsent zu sein, hört man den Gesprächen der drei Roboter in «Restworld» zu, die sich nahezu manisch um deren ehemalige...
