Die Dialektik des Tabus Tod
Noch küssen die Gatten sich, schon hat er das Kleenex in der Hinterhand, um sich die ekligen Blutspuren vom Mund abzuwischen. Bald wird sie ihm das Blut aufs makellos weiße Hemd spucken. Alkestis muss sterben, sie tut es nicht gern. Apoll hat für Admet erwirkt, dass er einen Stellvertreter zu den Toten schicken kann. Niemand hat sich dafür bereit gefunden, der greise Vater nicht und auch nicht die Mutter, die sich doch schon fortgepflanzt hat, noch nicht einmal der kinderlose Onkel. Nur Alkestis, die Gattin, nimmt es auf sich.
Und nun ist es so weit: Der unsichtbare Thanatos hetzt sein Opfer über die Bühne, eine aufgelöste Carolin Conrad, sie verrenkt sich, will den Tod verscheuchen, krümmt sich auf ihrem Stuhl, während die anderen eilig die lästigen Blutspuren wegwischen.
Doch ist es damit nicht getan. Im Huis clos des Königspalasts, der (auf der Bühne von Henrike Engel) auch das Entrée eines Krematoriums sein könnte, zeigt sich der Schmutz unter der makellosen Politur erst recht. All die unterschwelligen Aggressionen, unausgesprochenen Vorwürfe, unterdrückten Emotionen, die eine sauber neurotische Familie zusammenhalten. Der Chor des griechischen Dramas ist in Zürich die ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
So flott geht’s nicht mal bei Thalheimer: In gerade mal 70 Minuten ist «Faust I» abgehakt, vom Studierzimmer bis zum Kerker, von «Habe nun, ach …» bis «gerettet». Schließlich will man in insgesamt gut zweieinhalb Stunden nicht nur beide Teile von Goethes Tragödie durchmessen, sondern auch noch das Faust-Gedicht von Nikolaus Lenau, das zwischen 1833 und 1836 gezielt...
Herfried Münklers Problemwarnung ist scheinbar zweigeteilt. Zum einen mahnt er die fehlende Eigenverantwortung durch Dezentralisierung der Demokratisierung an – ganz konkret die scheinbare Unmöglichkeit eines funktionierenden EU-Parlaments. Zweitens die Wegdelegierung des eigenen Engagements aus historisch gewachsenen demokratischen Organisationen wie Parteien und...
Die 60. Berlinale war ein Festival in einem tief verschneiten, eisglatten Berlin, und nicht einmal der omnipräsente, mopsfidele, genussfreudige und sehr selbstironische Chef Dieter Kosslick konnte verhindern, dass der Jubiläumsjahrgang in die Annalen eingehen wird als Festival der einsamen, schweigsamen, leider auch kriminellen Männer. Der deutsche Mann, so...
