Die andere Ophelia
Keinen Moment zweifelt Ophelia daran, dass Hamlet sie noch liebt. Das Beste für sie will, auch wenn er es nicht sagen kann. In jener üblen Szene, in der er die junge Frau demütigt, beleidigt, ins Kloster schicken will, hebt sie ihn einfach hoch. Die schmale Gina Haller mit fast kahl rasiertem Kopf, Herrenjackett über dem weißen Kleid, nimmt ihn und stellt ihn woanders hin. Wie um ihm eine andere Perspektive zu verleihen, herauszuheben aus seiner Depression, zu ver-rücken in seiner Verrücktheit. Vielleicht: ihn zu retten durch einen anderen Blickwinkel.
Mit einer einzigen Geste, freundschaftlich fürsorglich, verspielt, aber auch voller Rätsel, demontiert Gina Haller da am Schauspielhaus Bochum den Ophelia-Interpretationskanon der Aufführungsgeschichte. Ohnehin ist Johan Simons’ grandiose «Hamlet-Inszenierung» nicht nur der Versuch, Hamlet noch einmal ganz neu zu verstehen – Sandra Hüller spielt ihn tief verinnerlicht als depressive, verlorene Figur, steigt in Unterschichten des verzweifelten Seins. Doch die 32-jährige Schauspielerin Gina Haller ist ihr eine ebenbürtige Gegenspielerin. Dabei ist sie, im Vergleich zum gestandenen großen Star Hüller fast noch eine Anfängerin, das ...
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Theater heute Januar 2020
Rubrik: Akteure, Seite 28
von Dorothea Marcus
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