Die Abwesenheit von Harmonie
Wenn in der nächsten Woche die Regierung zurücktritt, darf auf Demonstrationen getanzt werden», beendet Heiner Müller seine Rede am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz. Zukunftsbesorgt hatte er davor zur «Gründung freier Gewerkschaften» aufgerufen − die Volksstimme buht. Jetzt jubelt sie, eine halbe Million, deren «Euphorie» und «Bedürfnis nach einem Befreiungsrausch» Müller nicht teilen kann.
Als eine unfassbar knappe Woche später dann tatsächlich die Menschen tanzen – und zwar völlig unerwartet über die Mauer hinweg –, ist Müller auf dem Weg zu seinem eigenen Drama nach New York: «Der Auftrag», als szenisches Konzert von Heiner Goebbels.
Mehr als ein Medienwechsel
In Distanz zu den dramatischen Ereignissen um den nur so genannten Eisernen Vorhang erneuert er sein Bekenntnis zu einem demokratischen Sozialismus, der als Alternative zur «stalinistischen Kolonie» vor wenigen Tagen noch möglich schien. Der sechsminütige Fernsehmitschnitt, der die gerade im Alexander-Verlag herausgegebene Sammlung von O-Tonmaterial ergänzt, zeigt einen privilegiert Dienstreisenden, der die Löcher im imperialistischen Schutzwall längst durchschaut: «This revolution now in East Germany is ...
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Theater heute Mai 2011
Rubrik: Magazin, Seite 70
von Anja Quickert
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Der 1968 im libanesischen Deir-el-Kamar geborene Autor und Regisseur widmete sich
in seinen bisherigen Theatertexten der eigenen Familiengeschichte und dem sich darin spiegelnden Nahostkonflikt. Das ist auch in «Küste» so, einem Stück, das Wajdi Mouawad 1997 in Montreal zur Uraufführung gebracht hat. Im Kern des Stücks steht Wilfried, dessen französische Mutter bei...
Akklimatisiert hat er sich bereits mit einer kulinarisch angereicherten Ensemble-Fortsetzungs-Lesung von Lion Feuchtwangers München-Roman «Erfolg», die schon nach wenigen Terminen Kultstatus genoß. Nun wagt sich Johan Simons, seit einem halben Jahr Intendant der Münchner Kammerspiele, mit einem Abend über Ludwig II. ans Eingemachte bayerischer Selbstherrlichkeit,...
