Die Abschaffung der Wirklichkeit
Zu der Zeit, als Rousseau seine politische Theorie der Freiheit entwarf, waren die englischen, deutschen, portugiesischen, holländischen und französischen Siedler und Kolonialisten gerade dabei, die Eingeborenen Afrikas zu versklaven. Ein gutes Beispiel dafür, dass wir die Ideologie nie mit der Realität verwechseln sollten. Bücher transportieren Ideologien, und Menschen ertragen die Realität – was nicht ausschließt, dass sich beide an bestimmten Punkten treffen können.
Der (ehemals?) linke Philosoph Slavoj Zizek hat in seinem neuesten Buch «Der neue Klassenkampf: Die wahren Gründe für Flucht und Terror» eine Liste sogenannter europäischer Werte aufgestellt. An der Spitze stehen die Freiheit und die Behauptung, dass Flüchtlinge aus hauptsächlich muslimischen Länden sich nicht dazu bekennen. Als ob jeder Europäer gleichermaßen die Freiheit der Rede, der Religion, der Rassen und des Geschlechts wertschätzen würde. Zizek schlägt vor, alle europäischen Werte aufzuschreiben und Flüchtlinge, die Europa betreten, zu diesen Werten zu befragen. Wenn sie anderer Ansicht sind, sollte man sie nicht hereinlassen. Stellen wir uns einen Vertrag vor aus sogenannten europäischen Werten, den alle ...
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Theater heute März 2017
Rubrik: Foyer, Seite 1
von Amir Reza Koohestani
Es hat etwas Genüssliches, wie in diesem «Othello» das rassistische Vokabular für die Beleidigung von Schwarzen angesammelt wird. Neger, Nigger, Hottentott, Makake, Molukke, Kaffeesatz oder Urwaldkönig nennen Othellos Soldaten ihren Heerführer. Sie essen demonstrativ Nutella, das sie «Othella» nennen, und auch die neueste Version des Kolonialsprechs, mit dem weiße...
Gut so. Ewald Palmetshofers Stück, ausgezeichnet mit dem Mülheimer Dramatikerpreis vor bald schon wieder zwei Jahren, erleidet offenkundig nicht das Schicksal vieler und selbst starker neue Theatertexte: einmal aufgeführt zu werden und dann nie wieder. Schon Anfang des vorigen Jahres hatte das Mainzer Theater in einigen Aufführungen die Koproduktion mit dem...
Neue Stücke
Während am Berliner Gorki Theater Marianna Sasha Salzmann mit «Zucken» noch versucht, die düstere Gegenwart des Dschihadismus zu verstehen, inszeniert von Sebastian Nübling, finden sich im März sonst viele tiefschwarze Zukunftsvisionen. An der Schaubühne entwickelt Angélica Liddell mit «Toter Hund in der chemischen Reinigung: Die Starken» eine...
