Die abgewandte Seite der Geschichte
Fürs Programm ist immerhin gesorgt! Falls wir in mittelfristiger Zukunft noch öffentlich getragene Theater haben sollten – und das scheint derzeit ja ein großes «Falls» –, dann wird es auch weiterhin genug Kunst geben, um die vielen Kästen angemessen zu bespielen. Das ist das muntermachende Fazit einer knappen Woche beim diesjährigen Körber Studio Junge Regie.
Für das wohl wichtigste Nachwuchsfestival schickten die Schauspielschulen des deutschsprachigen Raums Inszenierungen ins Rennen, die sich krisengeschüttelt, aber gefasst und im Handwerk erstaunlich reif, zum Teil regelrecht aufregend präsentierten. Als Jury – ich durfte zusammen mit dem Regisseur und Kölner Intendanten Kay Voges, der Leiterin des Forum Freies Theater in Düsseldorf, Kathrin Tiedemann, der Regisseurin und letztjährigen Körber-Teilnehmerin Tamira Kalmbach sowie der Thalia-Dramaturgin Johanna Vater den mit 10.000 Euro dotierten Preis vergeben – mussten wir das noch Auszubildende bisweilen suchen, so bühnenfertig, selbstbewusst und geschliffen kam vieles daher.
Paradoxerweise wird Juryarbeit dadurch aber nicht leichter. Wo beim Körber Studio Junge Regie die sehr unterschiedlichen Startbedingungen und ...
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Theater heute Juli 2026
Rubrik: Festival, Seite 38
von Janis El-Bira
Manchmal holt das Theater die Wirklichkeit nonchalant ein. Während draußen über Ölund Kerosinkrise diskutiert wird, ragt ein riesiger Flugzeugflügel auf die Studiobühne im Theaterhaus Jena. Mona Louisa-Melinka Hempel, Thato Kämmerer, Jonathan Perleth und Matondo Castlo spielen, springen und tanzen auf dem und um das von Marie Alice Bahra erdachte Flügelszenario...
Die englische Autorin Rebecca Watson beschreibt in ihrem Debütroman «Little Scratch» (2021) einen ganz normalen Tag im Leben einer jungen Frau, die als Redaktionsassistentin bei einer Zeitung arbeitet. Um 7.30 Uhr läutet der Wecker, sie steht auf, putzt sich die Zähne, läuft zum Bahnhof, fährt ins Büro, setzt sich dort an ihren «beschissenen» Schreibtisch, tauscht...
Es wirkt wie die Wartehalle eines Bahnhofs im Hinterland, in dem die russische Gutsbesitzerin zurückkehrt: Schmutzig gelbe Fliesen bedecken die grauen Wände, in die ein fraglich funktionierender Fahrstuhl eingelassen ist. Hoch oben hängt eine schmucklose Uhr, deren Anzeige schon lange stehen geblieben ist. Der einstige Reichtum der Familie scheint dem Verfall...
