Deutscher Geist

Im Berliner Ensemble zelebriert Michael Thalheimer Karl Schönherrs Blut-und-Boden-Drama «Glaube und Heimat», in Hannover sucht Anne Lenk nach Auswegen für «Iphigenie in Aulis» und «auf Tauris»

Ohrenbetäubendes Unheilsdröhnen, Gewitterbeats und elegisches Gewummer. Dazu dreht sich ein metallbeschlagenes viereckiges Monstrum in der Bühnenmitte, um das sich auf Kniehöhe eine kleine Sünderbank schlängelt. Das Licht im neblig trüben Raum kommt nur fun­zelig von oben und leuchtet steil wie in eine Untergangskathedrale. Drunten auf dem Bühnenboden kringeln und krümmen sich die Menschlein. Wen es hierher verschlagen hat, ist in den verschiedenen Höllenkreisen, die diese Welt anzubieten hat, schon ziemlich tief gesunken.

Gleich zu Beginn hängt eine schreiende Person im Halbdämmer wie gekreuzigt mit blutigem Bauch an der Blechwand, der eine zottelige Gestalt irgendetwas in die Seite rammt. Es ist zwar nur der Bader (Hilfsdoktor) beim wassersüchtigen alten Rottbauern, sieht aber aus wie mittelalterliche Kerkerfolter. Es geht um «Glaube und Heimat», Regie Michael Thalheimer. 

Wer hat Angst vor Karl Schönherr? Der Tiroler Schriftsteller (1867–1943) mit Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof, dem NS-Reichsdramaturg Rainer Schlösser 1933 «blutechtes, bodenständiges Schaffen» bescheinigte und der den «Anschluss Österreichs» 1938 in zierlich feiernde Verse fasste, schrieb wuchtige ...

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Theater heute Februar 2020
Rubrik: Aufführungen, Seite 20
von Franz Wille