Der Tod fährt mit

Charly Hübner führt Regie in der Verfilmung von Thees Uhlmanns Roadtrip-Roman «Sophia, der Tod und ich»

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Thees Uhlmanns 2015 erschienener Roman «Sophia, der Tod und ich» schrie mit seinen zugespitzten Dialogen geradezu nach einer Umsetzung auf Bühne und Leinwand. Die Theater begriffen das schnell. Das Schauspiel Essen war 2017 als erstes am Start (und eine Publikumsumfrage über die beliebtesten Stücke der letzten 20 Jahre wählte das Stück in die Top Ten), das Staatstheater Mainz tourt seit 2019 bis heute mit einer eigenen Version über die Lande.

Thees Uhlmann, Frontmann der Hamburger Indie-Rock-Band Tomte, schafft es in seinem ersten Roman aufs Sympathischste, Plauderei und Tiefsinn, Quatsch und Melancholie, Leben und Tod zu einem unterhaltsamen Mix zu verquirlen. Und der Schauspieler Charly Hübner, am Hamburger Schauspielhaus auch eine Art Frontmann, der als Dokumentarfilmer die Band Feine Sahne Fischfilet begleitet hat, holt sich für seine Verfilmung die Haute volee des deutschen Theaterbetriebs an Bord, von denen nicht wenige im selben Ensemble wie er spielen. Notfalls schafft er mit Drehbuchautorin Lena May Graf auch Rollen für sie, die die morbide-heitere Skurrilität des Uhlmann-Plots noch ein paar Schrauben weiter drehen.

Das Leben ist keine Lakritzstange

Denn es ist ja Gevatter Tod, der in Uhlmanns Roman und Hübners Film mindestens die zweite Hauptrolle spielt, und der muss erstmal in die Welt kommen. Im Film, anders als im Buch, wird er losgeschickt von Erzengelin Michaela, in deren Kiosk an einer Berliner Spreebrücke neben dem heiligen Kreuz die Akten der zu Beseitigenden ausliegen. Und da das viele sind, die individuell betreut werden, gibt es auch viele bleiche Sensenmänner in schwarzen Bestatter-Anzügen. Die ungerührt paffende Erzengelin, Hübners Ehefrau Lina Beckmann mit weißer Wallemähne, drückt Reiners Akte einem diabolisch grinsenden Tod namens Morten de Sarg (Marc Hosemann) in die Hand, der kurz darauf an der Tür des unauffälligen Enddreißigers klingelt. Reiner (Dimitrij Schaad) ist ein netter Altenpfleger, der alte Damen durch die Gegend schiebt und mit ihnen eine Kindheitserinnerung teilt: wie er mit seinem früh verstorbenen Vater die Straße abschleckte, um rauszufinden, dass sie nicht nach Lakritz schmeckt.

Das Leben ist keine Lakritzstange, das hat Reiner früh kapiert. Der Single lebt in einer malerisch runtergerockten Wohnung, an deren Wänden zahllose Zeichnungen hängen. Denn Reiner zeichnet täglich eine Postkarte für seinen Sohn, den er nie gesehen hat. Der Tod kommt unverhofft an einem frühen Morgen. Morten de Sarg steht im Badezimmer, doch als es zum Endspiel kommt, das drei Minuten nicht überschreiten darf, klingelt es wieder. Vor der Tür steht Sophia, Reiners Ex (Anna Maria Mühe), die ihn anbrüllt, ob er den Geburtstag seiner Mutter auf Juist vergessen hat?

Im Alles-egal-Areal

Damit beginnt ein Road Movie der besonderen Art, ein «Anarcho-Urlaub» im «Alles-egal-Areal» zwischen Leben und Tod: Im Zug reisen Sophia, Reiner und Tod Morten zur Mutter (Johanna Gastdorf ), der Tod trinkt Bier, «es prickelt», er verliebt sich ins Leben und ein bisschen in Sophia, «so lebendig». Lebendig, rabiat, entschlossen führt Anna Maria Mühes Sophia Dimitrij Schaads charmant verpeilten Reiner, der sich seinem Losertum ergeben hat, durch die letzten Stationen – mit der Mutter Marmelade essen, noch einmal Sex haben, mit dem unbekannten Sohn Fußball spielen.

Das wird dermaßen schön, dass Erzengelin Michaela dem netten Tod Morten den bösen, also effizienten Tod Morck Mortus (Carlo Ljubek) hinterherschickt. Die beiden Gevatter kriegen sich in die Wolle, Fantasy und Action kommen ins Kinospiel, und am Ende ein Stück Hoffnung für die Menschheit: Denn der kolossale allmächtige G. in Gestalt Josef Ostendorfs als aus den Fugen geratener Alt-Hippie entlässt den Bösen und befördert Morten de Sarg zum Chef der Sensenmänner.

Da hat Charly Hübner Thees Uhlmann ein bisschen ins sarkastische Spiel gepfuscht, das zwar das Leben mehr besingt als den Tod, sich weiterführende Hinweise allerdings spart. Zur Strafe verdonnert Charly Hübner den schlechtgelaunten Wirt, den er selbst in einer Cameo-Rolle spielt, zum Tode: Er ist die nächste Akte, die Erzengelin Michaela Morten de Sarg in die Hand drückt.

Zu Martin Farkas’ sommerlichen Bildern, die vom hohen Norden in die hohen Berge des deutschen Südens führen, befeuert die für diesen Film original komponierte Tonspur vom Zürcher Pop-and-Folk-Duo Steiner und Madlaina das Vergnügen am heiter melancholischen Genre-Mix aus Familiy und Fantasy, Action und Comedy mit tollen Schauspielern. Könnte ein echter Open-Air-Hit werden! 

Filmstart 31. August


Theater heute August-September 2023
Rubrik: Magazin, Seite 66
von Barbara Burckhardt

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