Der Sündenfall des Mehr-als-nötig
Das Märchen «Vom Fischer und seiner Frau» (Einar Schleef nach Philipp Otto Runge) ist ein doppeltes Lehrstück. Erste Lehre: Wie sich die Frau immer mehr wünscht und am Ende alles wieder verliert. Also: Maßlosigkeit lohnt sich nicht. Zweite Lehre: Wie der Fischer von Anfang an gegen das Wünschen war, aber jedesmal erneut loszieht und die Wünsche überbringt. «Manntje, Manntje, Timpe Te / Buttje, Buttje in der See / meine Frau, die Ilsebill, / will nicht so, wie ich wohl will.
» Weder Haus noch Schloss, Königs- noch Kaiserwürde machen die Frau glücklich, sie will Papst sein und schließlich Gott. Absurde Wünsche, deren Stellvertretercharakter offenbar ist, aber der Fischer geht lieber zum Butt, als sich mit seiner Frau auseinanderzusetzen. «Du bist nur mein Mann», schreit sie immer wieder, was er als Argument versteht. Tatsächlich ist es eine Bitte, eine Beschwörung. Also: Wenn jemand unsinnige Dinge von einem verlangt, sollte man sich fragen, ob man ihm nicht etwas Sinnvolles verweigert.
Günter Grass verarbeitete den Stoff in den Siebzigern zu seinem Epos «Der Butt», ungefähr zur gleichen Zeit machte Einar Schleef ein knappes Kinderstück daraus. Wohlstandssorgenbewältigung West und ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Vor sechs Jahren, als der Raum von Johannes Schütz zu Goschs Inszenierung des «Käthchen von Heilbronn» am Düsseldorfer Schauspielhaus zu sehen war, waren die Kommentare einiger älterer Zuschauer zu Beginn der Premiere nicht zu überhören: Bei Gründgens hätte es eine so leere Bühne nicht gegeben. Was Gründgens zur Bühne von Schütz gesagt hätte, lässt sich nicht mehr...
Nachdem bereits im Vorfeld der WM deutsche Autoren scharenweise durchs bunt zusammengebastelte Fifa-Kulturprogramm geschleust worden waren – zumindest diejenigen, die sich nicht rechtzeitig durch ein kategorisches Nein aus der Schusslinie gebracht hatten –, war mit Überraschungen auf diesem Feld eigentlich nicht mehr zu rechnen. Umso dankbarer ist man den...
Geister machen gewöhnlich nachts auf sich aufmerksam. Klopfgeräusche aus dem Schrank oder Geheul im westlichen Flügel sind immer ein Hinweis darauf, dass in der Vergangenheit noch eine Angelegenheit offen ist. Man kann damit locker umgehen und das Gespenst zu dem Familienmitglied erklären, das es meistens ohnehin ist. Oder man kann sich fürchten, dann gehört die...
