Der Preis der Normalität
RAINALD GOETZ «Baracke»
Zurück in die Nuller Jahre.
Wie war das damals eigentlich, als der Aufbruchselan der ersten rot-grünen Regierung sich in neolibera -len Reformen totlief, als der wohlstandsdumpfe Pragmatismus der Merkel-Zeit begann, in dessen Schatten die AfD-Stimmung heranwachsen konnte, als der NSU unter der Wahrnehmungsschwelle von Polizei und Gesellschaft unerkannt mordend im Campingbus durch Deutschland fuhr, als «postmigrantisch» als erklärungsbedürftiges Fremdwort galt, als Rainald Goetz’ literarische Gesellschaftserkundungen in Schreibkrisen und «alles verdunkelnder Weltfinsternis» feststeckten?
Die Antwort kam leicht zeitversetzt im Jahr 2023. «Baracke» sucht nach der Gleichung von rechtem Terror und Intimität, von Kleinfamilie und Gewaltverbrechen, verquerer Ideologie und biederer Lebensform, kurz: absurder Normalität. Die Antworten kommen nicht von außen als soziologische Kausalkette einer scheiternden Transformationsgesellschaft, sondern mosaikhaft zersplittert aus der Innensicht, die dem Freundschafts- und Beziehungsdreieck nachgeht, dem Alltäglichen einer Jugendliebe, deren politische Taten meist nur am Rand aufscheinen. Goetz meint dazu, er habe sich «von der ...
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Theater heute Mai 2024
Rubrik: Best of, Seite 28
von Franz Wille
August 2023. Vor kurzem hatte Gisèle Viennes «Extra Life» bei der Ruhrtriennale Premiere, ein paar Wochen später ist der Abend beim Internationalen Sommerfestival im Hamburger Kulturzentrum Kampnagel zu sehen. Ein Geschwisterpaar hat am frühen Morgen eine Party verlassen und ist mit seinem Kleinwagen am Waldrand gestrandet, berauscht, aufgekratzt, müde. Clara...
Am Ende fallen drei Schüsse hinter der großen schiefen Bühnentreppe. In den letzten zwei Stunden hat sie sich vom antiken Palast in Kolchos zum mit Kissen ausgelegten Wohnloft der griechischen Upper-Middle-Class verwandelt. Hier leben Jason und Medea, zwei ausgewachsene Antiken-Neurotiker. Ihre ohnehin von Beginn an eher vertragsgemäße denn emotionale Ehe ist da...
Es war einmal eine alte Schaumstoff-Matratze. Die hatte viele Jahre in einer Berliner Wohnung gelegen – Menschen hatten auf ihr geschlafen, ihre Träume und Krankheiten auf sie gebettet, geschwitzt, Liebe gemacht und manchmal vielleicht auch einige Tränen vergossen. Als sie nun alt geworden war, und an einer Straßenecke im Prenzlauer Berg auf ihre Entsorgung...
