Der kunstkritische Aktendeckel
Im Herbst 2010 muss das Vertrauen der Theatertreffen-Leitung in die siebenköpfige Theatertreffen-Jury auf einem historischen Tiefpunkt angekommen sein. Woran das gelegen haben mag, ist schwer zu sagen, aber Vertrauen ist nun einmal kostbar und entsprechend flüchtig. Jedenfalls teilte die tapfere TT-Organisatorin Barbara Seegert auf der Jury-Sitzung im Oktober mit einem feinen Lächeln ein Blatt aus, auf dem endlich einmal ordentliche Jury-Kriterien standen. TT-Leiterin Iris Laufenberg blickte ernst, TT-Intendant Joachim Sartorius grandseigneural versonnen. Die Wirkung war entsprechend.
Die versammelten Kritiker-Subjekte hatten so eine narzisstische Kränkung noch nicht erlebt. Die langjährig gepflegte Urteilskraft schnöde ersetzt durch eine kleine Checkliste, die endlich klärt, was in der deutschsprachigen Theaterwelt «bemerkenswert» genannt werden darf? «Sie müssen zum Schluss auf eine Gesamtzahl von insgesamt 16 Punkten kommen.»
Das System war überraschend einfach und dürfte problemlos jeden Vermittlungsausschuss passieren. Man unterscheide die Bemerkenswerthaftigkeit einer Inszenierung zunächst zu gleichen Teilen in Regie, Darstellung, Ausstattung und gestatte am Ende – der humane ...
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Theater heute Mai 2011
Rubrik: Best of … Theatertreffen, Seite 14
von Franz Wille
Drei Komödien von je drei Akten, mehrere Schauplätze (in Livorno im Haus der Bürger Filippo und Leonardo, im nahe gelegenen Landhaus in Montenero), viel Personal, noch mehr Kostüme – wie bringt man dieses Monstrum von einem Stück auf die Bühne? Spitzt man aufs Wesentliche zu, setzt man satirische Akzente und auf höllisches Tempo? Oder
geht man im Gegenteil...
Das ist die Grundfrage am Anfang jedes Stückeschreibens: Guck ich rein oder raus? Rein ins Dunkle des scheinbar heilen Familienlebens oder raus in die Welt, auch kein erfreulicher Anblick? In Bochum begibt sich Reto Finger ins «Haus am See», wo sich die erweiterte Familie alljährlich trifft und es diesmal mit einem unerwarteten Gast ans Eingemachte geht (R: Anselm...
Am 4. April 2011 wurde Juliano Mer Khamis, 52, vor seinem Freedom Theatre im Flüchtlingslager von Jenin von einem maskierten Täter erschossen. Der Mann sprach ihn an, Juliano ließ seine Fensterscheibe herunter und wurde mit mehreren Schüsse regelrecht hingerichtet. Auf dem Beifahrersitz befand sich sein einjähriger Sohn auf dem Schoß des Kindermädchens, das an der...
