Der kunstkritische Aktendeckel
Im Herbst 2010 muss das Vertrauen der Theatertreffen-Leitung in die siebenköpfige Theatertreffen-Jury auf einem historischen Tiefpunkt angekommen sein. Woran das gelegen haben mag, ist schwer zu sagen, aber Vertrauen ist nun einmal kostbar und entsprechend flüchtig. Jedenfalls teilte die tapfere TT-Organisatorin Barbara Seegert auf der Jury-Sitzung im Oktober mit einem feinen Lächeln ein Blatt aus, auf dem endlich einmal ordentliche Jury-Kriterien standen. TT-Leiterin Iris Laufenberg blickte ernst, TT-Intendant Joachim Sartorius grandseigneural versonnen. Die Wirkung war entsprechend.
Die versammelten Kritiker-Subjekte hatten so eine narzisstische Kränkung noch nicht erlebt. Die langjährig gepflegte Urteilskraft schnöde ersetzt durch eine kleine Checkliste, die endlich klärt, was in der deutschsprachigen Theaterwelt «bemerkenswert» genannt werden darf? «Sie müssen zum Schluss auf eine Gesamtzahl von insgesamt 16 Punkten kommen.»
Das System war überraschend einfach und dürfte problemlos jeden Vermittlungsausschuss passieren. Man unterscheide die Bemerkenswerthaftigkeit einer Inszenierung zunächst zu gleichen Teilen in Regie, Darstellung, Ausstattung und gestatte am Ende – der humane ...
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Theater heute Mai 2011
Rubrik: Best of … Theatertreffen, Seite 14
von Franz Wille
Das ist die Grundfrage am Anfang jedes Stückeschreibens: Guck ich rein oder raus? Rein ins Dunkle des scheinbar heilen Familienlebens oder raus in die Welt, auch kein erfreulicher Anblick? In Bochum begibt sich Reto Finger ins «Haus am See», wo sich die erweiterte Familie alljährlich trifft und es diesmal mit einem unerwarteten Gast ans Eingemachte geht (R: Anselm...
Sagen wir es so: Die Talfahrt hat sich etwas verlangsamt.» Tamás Ascher, der als einer der wichtigsten Regisseure des Landes vor allem am Budapester Katona József Theater inszeniert, meint damit, dass die ganz großen Eingriffe der rechten Fidesz-Regierung bislang ausgeblieben sind. Zumindest im Hauptstadttheater. Bei anderen großen Kultureinrichtungen und erst...
Wenn in der nächsten Woche die Regierung zurücktritt, darf auf Demonstrationen getanzt werden», beendet Heiner Müller seine Rede am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz. Zukunftsbesorgt hatte er davor zur «Gründung freier Gewerkschaften» aufgerufen − die Volksstimme buht. Jetzt jubelt sie, eine halbe Million, deren «Euphorie» und «Bedürfnis nach einem...
