Der andere Blick
Eines der größeren Missverständnisse seiner Bücher hat Hans-Thies Lehmann selbst nicht aus der Welt schaffen können. Trotz seiner wiederholten Bekräftigung ging es im «Postdramatischen Theater» (1999) nicht um eine neue Dramentheorie, es ging auch nicht um die Ab -schaffung des Dramas, sondern es ging ihm um eine weiter greifende Theaterästhetik; er hatte auch nichts gegen das Sprechtheater, schließlich wird in kaum einem (post-)dramatischen Lebenswerk so viel ge -redet wie in den Bühnentexten von Lehmanns treuem Schüler René Pollesch.
Lehmann hatte aber sehr wohl sehr viel gegen den Alleinvertretungsanspruch eines literarischen Repräsentationstheaters, das im deutschen Stadt- und Staatstheater mit seinem Repertoire- und Ensemblesystem bis in die 1980er Jahre eine stillschweigende Norm war. Einen durch die Moderne in die Krise geratenen, falsch idealisierten Dramenbegriff hatte schon Lehmanns Lehrer Peter Szondi in seiner legendären Studie «Theorie des modernen Dramas» angegriffen und dagegen die modernen Abweichler von Tschechow bis Brecht in Stellung gebracht. Im Wesentlichen geht es dabei um die drei Kategorien Dialog, Konflikt und Fiktionalität, wobei sich Lehmann, siehe ...
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Theater heute 10 2022
Rubrik: Postdramatisches Theater, Seite 36
von Franz Wille
Ich kann mich nicht beklagen über die Zeit mit ihm in Gießen vor 40 Jahren und auch nicht über die letzten Jahre zwischen 2016 bis 2019, in denen er uns oft in der Volksbühne besucht hat. Wo er 2016 mit Martin Wuttke und mir nach Proben geredet hat, oder mit mir in der Kantine. Ich hab jetzt gerade, wo ich über ihn nachdenke, das Gefühl, er hat alle Abende von mir...
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