Der Engel mit dem kühlen Bier

Nachruf auf den Theatermenschen Michael Börgerding

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Im 19. Januar, nur wenige Tage nach Michael Börgerdings Tod, entrollten die Fans von Werder Bremen im Weser Stadion ein Banner mit der Aufschrift «RiP Michael Börgerding – Danke für deinen Einsatz». Nicht das Präsidium, nicht der Trainer, nein, die Fans bedankten sich bei Michael Börgerding, dem gerade verstorbenen Bremer Theaterintendanten für seinen Einsatz.

Das, wovon wir Theaterleute so gerne sprechen, hatte er in den zwölf Jahren seiner Intendanz weithin sichtbar in die Tat umgesetzt.

Er hat sich und sein Theater verbunden mit der Stadt und ihren vielfältigen Kräften und Bewegungen. Das waren Politik und Sport, die Künste und die Kirche – ja, auch die Kirche. Bei einer bewegenden Trauerfeier in St. Johann kam auch zur Sprache, dass der Glaube, mit dem er aufgewachsen war und der für ihn aufgrund vieler katastrophaler Fehlleistungen im kirchlichen Raum fragwürdig geworden war, dass dieser Glaube ihn immer noch bewegte, weil er überzeugt war, dass die Kirchen neben den Konzerthäusern und Stadien, den Theatern und Clubs, wichtige Orte des Zusammenkommens, des realen Austauschs und gelebter Gemeinsamkeit sein könnten, ohne die die harten Auseinandersetzungen der Gegenwart nicht zu bestehen sein würden.

Michael Börgerding liebte es, sorgfältig und differenziert über die Möglichkeiten der Künste in unserer Welt nachzudenken, und viele seiner Gedanken, die auf der Homepage des Bremer Theaters noch nachzulesen sind, waren auch für mich feine, nachhaltige Impulse. Zuletzt sprach er über das «Unmerkliche», das jeden Theaterabend begleitet und ausmacht. Jener feine Unterton, der die Kunst von politischer Berichterstattung und geschichtlicher Einordnung unterscheidet. Der poetische Überschuss, der die Zuschauenden wie eine Erfahrung zu erfassen vermag. Sein Text endete: «Please sit down, relax and enjoy the show! Das allerdings ist ein hochkomplexer Vorgang – vielleicht der Allerschwierigste, heute, jetzt.»

Geboren wurde Michael Börgerding 1960 in Lohne, nicht weit weg von Bremen. Starke, selbstbewusste Frauen haben seinen Lebensweg nicht nur begleitet, sondern entscheidend geprägt. Vermutlich auch seinen Blick auf Gesellschaft und gesellschaftlich notwendige Veränderungen. Da waren zunächst seine Mutter und seine beiden Schwestern, seine Ehefrau und Tochter und schließlich auch die Bremer Stadträtin Carmen Emigholz selbst, die mehr als eine verlässliche politische Partnerin war und die auf dieses starke prägende weibliche Element in Michaels Leben in ihrem Nachruf hingewiesen hat.

Das Studium der Soziologie, Philosophie und Germanistik führte ihn nach Göttingen, wo er eher zufällig mit dem Jungen Theater Göttingen, damals schon eine bemerkenswerte Adresse, in Berührung kam. Aus Interesse entwickelte sich dramaturgische Mitarbeit, und als ich, vom Theater Konstanz kommend, ein Team für das Schauspiel Hannover suchte, war ich schon bei der ersten Begegnung überzeugt, dass wir zusammenpassen würden. Sein Verstand und seine Sehnsucht nach sinnlichem Ausdruck, seine Hartnäckigkeit und verbindliche Zugewandtheit haben die Theaterarbeit in Hannover (1993–2000) und dann auch am Thalia Theater in Hamburg wesentlich geprägt. 2005 wurde Michael Börgerding Direktor der Theaterakademie an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg, seine pädagogische Geduld und Strenge, seine stete Neugierde und eigene Lernbereitschaft prädestinierten ihn auch für diese Aufgabe. Aber schließlich zog es ihn doch zurück ans Theater. 2012 wurde er zum Generalintendanten des Vier-Sparten-Hauses Theater Bremen berufen.

Ins Theater hinein wirkte Michael Börgerding wie nach außen: Er verband sich verlässlich mit den Menschen und Künstler:innen, mit denen er arbeitete und für die er sich entschieden hatte. Sein Gespür für Be -gabungen, seine Suche nach besonderen künstlerischen Ausdrucksformen und das Bedürfnis nach außergewöhnlichem Denken vom Rand her machten es ihm leicht, starke Arbeitsbeziehungen zu finden und sie über längere Zeiträume hinweg aufrechtzuerhalten. Die Zusammenarbeit mit Alize Zandwijk, Armin Petras, Sophie Dobenz, Frank Abt, Andreas Kriegenburg und der freien Gruppe Gintersdorfer/Klaßen trug über viele Jahre hinweg, und die Verbindung zu seinen ehemaligen Studierenden Felix Rothenhäußler und Alexander Riemenschneider war ein weiterer zuverlässiger Bestandteil seiner Theaterarbeit. Die außergewöhnliche Bremer Opernarbeit entwickelte sich in intensiver Zusammenarbeit mit Benedikt von Peter als leitendem Regisseur, und auch nach dessen Weggang hatte er ein Gespür für beson -dere Regiehandschriften wie die von Tatjana Gürbaca oder Paul-Georg Dittrich.

Er sei ein Ermöglicher und lasse vieles zu, manchmal zu vieles, so hieß es. Und so sehr das stimmte, so sehr wurde dabei verkannt, wie präzise analytisch Michael Börgerding die künstlerischen Wege beschreiben und durchdringen konnte und wie sehr sein Vertrauen und die korrigierende Kritik in Korrespondenz zueinander standen. Vielleicht erfahren wir aus Brechts «Lied über die guten Leute» am besten, was Michael Börgerding schlussendlich ausmachte.

«Die guten Leute beschäftigen uns. Sie scheinen allein nichts fertigbringen zu können. Alle ihre Lösungen enthalten noch Aufgaben. In den gefährlichen Augenblicken auf untergehenden Schiffen Sehen wir plötzlich ihr Aug gross auf uns ruhen. Wiewohl wir ihnen nicht recht sind, wie wir sind Sind sie doch einverstanden mit uns.»

Michael Börgerding zog seine Anregungen aus der Zusammenarbeit, aber auch aus weit ausgreifender Lektüre. Er liebte Peter Handke und die Philosophen Christoph Türcke und Alexander Kluge. Ich verbinde mit ihm besonders gerne den Autor und Liedermacher Sven Regener, auch ein Bremer, und seine Band Element of Crime. Wenn Regener von «Delmenhorst und Getränke Hoffmann» singt, vom «Edeka des Grauens, wo, wer freundlich ist, verliert» oder wenn er mit rauer Stimme mitteilt «wo die Neurosen wuchern, will ich Landschaftsgärtner sein», dann denke ich unwillkürlich an Michael und seine zärtliche Melancholie, die sich manchmal tarnte in spöttischen Bemerkungen oder einer gewissen Grummeligkeit.

Ich denke aber auch daran, wie er lässig und ein wenig linkisch in seiner schönen Größe, warmherzige, zugängliche Reden hielt auf sein Ensemble nach Premieren. Und von da ist der Weg nicht weit zu einem anderen großen, lässigen und extrem klugen Begleiter der Künste, dem Filmkritiker Michael Althen, der nach dem Tod des fast ein Jahrhundert prägenden amerikanischen Schauspielers James Stewart Worte fand, die wie für Michael Börgerding erfunden scheinen: «Stellen wir uns also eine Veranda vor, auf der man unter heißer Sonne im Schatten sitzen kann. Wenn es ein Bild dafür gibt, wie es im Himmel sein müsste, dann dieses: Den Stuhl zurückgekippt, die Beine hochgelegt, den Hut über die Augen gezogen – und ab und zu ein kühles Bier.»

Auf dieser Veranda über der Welt wird Michael Börgerding nun sitzen, sich ab und zu einen Schluck genehmigen und unserem Treiben zusehen. Das wäre schon ein ziemlicher Trost. Denn einen besseren Engel können wir uns nicht wünschen.


Theater heute März 2025
Rubrik: Akteure, Seite 38
von Ulrich Khuon

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