Dem Antisemitismus abgetrotzt
Das Buch beginnt mit einem Abstieg in die Unterbühne, das Reich der Eisenträger, Hubvorrichtungen und Stromschaltkreise. Dort findet sich noch heute, gleichsam im Zentrum des Betriebs, ummauert und verputzt, den Augen entzogen, das Antriebssystem jener mächtigen Drehbühne, die Max Reinhardt, bis heute prominentester Hausherr des Deutschen Theaters, 1905 einbauen ließ.
Die vormals trägen und betulich wirkenden Szenenwechsel des Biedermeier wurden in einen fließenden Ablauf gebracht, immer neue Bilder konnten, wie im Film, aber in Farbe aus dem Dunkel der Hinterbühne vor den Augen des Publikums erscheinen. Der technische Apparat war auf der Höhe der Zeit, mehr noch: Er bestimmte Rhythmus und Geschwindigkeit, wurde zum Taktgeber der Geschichte.
Esther Slevogt beschreibt das Deutsche Theater mitreißend als einen Dreh- und Angelpunkt deutscher Geschichte: Ein Jahrhunderttheater zwischen Kaiserreich und Berliner Republik, bürgerliches Künstlertheater unter den Sozie -tären um Adolphe l’Arronge, Schauplatz eines neuen sozialen Realismus unter der Intendanz Otto Brahms, meist beachtetes Privattheater Europas vor und nach dem Ersten Weltkrieg unter der Intendanz von Max Reinhardt, ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Mai 2024
Rubrik: Magazin, Seite 69
von Jan Lazardzig
In ihrer Version des «Don Carlos» berufen Felicitas Brucker und Arved Schultze sich auf ein Regiebuch, das Friedrich Schiller 1787 für den damaligen Direktor des Theaters in Riga erstellt hatte. In der baltischen Metropole stand nach Hamburg und Leipzig die Drittinszenierung des europäischen Königsdramas auf dem Spielplan. Im Jahr darauf folgten Frankfurt, Mannheim...
Das «Dritte Reich» ist und bleibt einer der größten Relevanzmarker der Gegenwartsliteratur. Da kann ein Autor wie Karl Ove Knausgård uns durch sein ganzes Leben geleiten, geprägt von Familientristesse mit drei Kindern, Leiden am autoritären Vater, Leiden an den Ansprüchen der Ehefrau, Leiden an zu wenig Zeit für Schriftstellerei, alles ein bisschen bürgerlich...
Könnte ein extrakitschiges Ölbad der Gefühle werden: Zwei ungeliebte Außenseiter kommen sich keusch und vorsichtig näher, doch es wird nichts draus, weil die Verhältnisse nun mal so sind, wie sie sind. Aber nicht bei Caren Jeß! «Ave Joost» versammelt vier sehr spezielle Menschen im – ja, wo eigentlich? Großstadtrand, Vororttristesse, sich entvölkernde Provinz? Wäre...
