Das Wesen der Kultur
Die, der, und, in, zu, den, das, nicht» … exakt einhundert deutsche Worte machen circa fünfzig Prozent unseres Alltagswortschatzes aus. In Lukas Bärfuss’ Schauspiel «Öl» übt Eva Kahmer, die ihrem von der
Ölsuche besessenen Mann in eine entlegene Region Europas gefolgt ist, diese sinnlos aneinandergereihten Wörter in verbissener Unnachgiebigkeit mit Gomua, ihrer einheimischen Bediensteten.
Als dieses skurrile Training schließlich erfolgreich bestanden ist, fragt Gomua mit trockener Lakonie: «Und was nützt mir das?» Ja, was nützt ihr dieser Wortschatz, was nützt ihr aber auch die Kenntnis eines Gedichts von Joseph Eichendorff, den sie mit Rainer Maria Rilke verwechselt oder das Lied von der Loreley, das sie gleichfalls auswendig hersagen kann? Keinerlei kulturelle Alltagserfahrungen schlagen die Brücke zu diesem angelernten Kunstwissen. Was vermittelt sich für Gomua durch diese herrschsüchtig auftretende Kultur außer Fremdheit und Demütigung? Dabei verbirgt Eva Kahmers hegemonialer Gestus, ihr Stolz auf die importierte Kultur, nur mühsam das Angelernte und nicht Angeeignete dieser Geschichtsspur.
Da alle großen Kulturen geprägt sind von Durchlässigkeit und von der Aufnahme anderer ...
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Wenn man sich eines Tages fragen wird, wann genau um die Wende zum 21. Jahrhundert die systematische Suche nach einer Neubestimmung des Stadttheaters in Deutschland begonnen hat, wird man neben vielen anregenden Impulsen vor allem zwei sehr unterschiedliche Initiale nennen müssen: Das «Bunnyhill»-Projekt der Münchner Kammerspiele und die Auflage des Heimspiel-Fonds...
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Schnell wird es dunkler auf der Bühne. Der an Schienen hochgezogene weiße Tanzboden, der die Bühne rahmt und in einen White Cube von museumsartigem Zuschnitt verwandelt, verliert seine gleißende Wirkung und wird matt. Tänzer und Tänzerinnen in knöchellangen weiten, schwarzen Musselinröcken postieren sich vor der Rückwand, als seien sie einem barocken Gemälde von...
