Das Verbluten der Revolution
Ein feister Hedonist und ein räudiger Asket – nur selten gewinnen gesellschaftspolitische Positionen eine solch fleischliche Plastizität wie in diesem Stück, das in einer Irrenanstalt spielt und von der Französischen Revolution bereits in der Vergangenheitsform spricht, obwohl ihre Helden darin noch selbst um das eigene Erbe streiten.
Als Peter Weiss Anfang der 1960er Jahre an seinem Drama um die beiden Denk-Figuren – Marquis de Sade als defätistischer Individualist und Jean Paul Marat als kämpferischer Pionier des Sozialismus – feilte, wurden die künftigen ’68er gerade erwachsen, und womöglich lag damals bereits so etwas wie die Vorahnung einer revolutionären Situation in der Luft. Fragen nach deren Aporien wie «Frisst die Revolution ihre Ziele?» oder «Kann ein gewaltsamer Umsturz Erfolge haben, die seine Opfer übersteigen?» erschienen da nicht weithergeholt. Und die entscheidenden Fragen seit den Tagen der Terreur blieben auch hier offen wie das Messer der Guillotine im Raum stehen: Kann die einmal entfesselte Gewalt je anders als willkürlich oder durch pure Erschöpfung wieder gestoppt werden, und hat die staatliche Kontrolle bis dahin nicht jede individuelle Regung in stumpfer ...
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Theater heute November 2018
Rubrik: Aufführungen, Seite 19
von Silvia Stammen
So richtig schön schauerlich blutrot leuchtet der Papstpalast. La Cour d'honneur, der Empfangshof in der Papstburg, ist immer noch das Herz des Festivals von Avignon, seit vor siebzig Jahren Jeanne Moreau, Gérard Philipe und Jean Vilar hier den «Prinzen von Homburg» aus dem Pariser Stadttheaterstaub an die frische Luft holten. Jeanne Moreau ist übrigens gleich...
Ist er wirklich ein Landvermesser? Wurde er bestellt – und warum hat er sich sonst ins Düsseldorfer Schauspielhaus geschlichen? Zielbewusstsein und Emsigkeit simulierend, erhebt sich Moritz Führmann als Mr. Jedermann in grauem Zweiteiler aus der ersten Zuschauerreihe, um dienstbeflissen auf die Bühne zu eilen – und sich dort erstmal heimatlos hinzulegen. Denn...
Vor drei Jahren reiste ich aus der Antwerpener Troubleyn-Factory mit Übergepäck wieder ab. Der Avantgardekünstler und Choreograf Jan Fabre und seine Assistent*innen hatten mich in den anderthalb Tagen Probenbesuch für die Marathon-Inszenierung «Mount Olympus» mit einem ganzen Stapel von Ausstellungskatalogen und Werkdokumentationen überhäuft; einen von ihnen hatte...
