Das Schwein an der Leine
Gleich zum Auftakt ihres Dokumentarfilms «Prater» breitet die Filmemacherin Ulrike Ottinger ihre schönsten Sammlerstücke aus dem Wiener Vergnügungspark vor dem Zuschauer aus: Hexen, Monster, Ungeheuer, die ruckhaft aus Pappmaché-Höhlen fahren, durch Schusstreffer bewegte Metallschweinchen, die auf einer Rennbahn des Glücks hoppeln, und Clowns, die klickend und schnarrend auf Miniaturbühnen tanzen. Im Zeitalter digital animierter Spiele und Horrorfilmkunst wirkt das mechanische Bestiarium rührend anachronistisch.
Ottinger aber verhilft ihm durch raffinierte Kadragen noch einmal zu Glanz und Wirkung: Der Teufelsgorilla öffnet, steil von unten gefilmt, seine Pranken zur schaurigen Umarmung; Hightech-Achterbahnen und altmodische Karussellskulpturen treten vor knallblauem Sommerhimmel in luftigen Dialog.
Die 65-jährige Künstlerin, die auf ein international beachtetes (Dokumentar-)Filmwerk zurückblickt, hat sich schon immer für mythische Überreste in der Moderne interessiert. Der Prater ist dafür ein exemplarischer Ort. Schon im 19. Jahrhundert entstand hier aus käuflichen Sensationen und Reizungen aller fünf bis sechs Sinne eine Massenkultur. Ottinger befragt die Erben von ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Der Theatermacher
Einige aufregende Jahre lang hatten Münchens Theaterfreunde Grund, den Stockholmer Steuerfahndern dankbar zu sein. Im Februar 1976 floh der damals schon weltberühmte Schauspielregisseur und Filmschöpfer vor dem rabiaten schwedischen Fiskus nach Deutschland, zum Münchner Residenztheater. In seiner Heimat war er während einer Theaterprobe wegen...
Eine zwiespältige Einladung ist das, wenn sich Theaterleute in «Theater heute» über die Kritik und ihr Verhältnis zum Theater äußern sollen. Denn wer als zweiter zieht, zieht immer den Kürzeren. Kritiker zu kritisieren, die einen auch schon mal schlecht besprochen haben, kann schnell etwas Beleidigtes bekommen. Und «die» Kritik gibt es ja auch gar nicht. Und wäre...
In Zeiten der You-Tube-Kunsthäppchen sind sie längst zum Gebot der Stunde geworden: die Klassiker in handlichen Formaten. Knackiger Content in maximal 90 Minuten (Schallmauerwert)! Der Schauspieler und Jungregisseur Christian Hockenbrink, Jahrgang 1975, kann es schneller. Auf der Durchreise nach Frankfurt und Stuttgart, wo er nächste Spielzeit inszenieren wird,...
