Das Private ist politisch!
Es muss eine unbezähmbare Sehnsucht nach Repräsentation gewesen sein, die den Regie führenden Intendanten Stephan Märki antrieb, Schillers Trauerspiel in ein (falsch verstandenes) Schleef-Korsett zu pressen. Mancher Verpflichtung war da ja gerecht zu werden: Weimar, die Klassikerstadt, Ort der Uraufführung, dazu die Dimension des Hauses, auch wenn das nicht unwiderruflich nach dem Einsatz von Mikroports verlangt.
Sollte neuerliche Erfahrung dazu gekommen sein, dass der Einzelne – nur Schaum auf der Welle im Sog der Weltläufe – auch auf der Bühne als handelnder, strebender oder unterliegender Charakter nicht mehr in Erscheinung zu treten habe?
Das Trauerspiel als Sprechoper, da bleibt nicht mehr als der Schatten der Maria. Die weit geöffnete Bühne ganz in Schwarz, schmale weiße Soffiten schließen sich gelegentlich zum Gitter oder zur Barriere. Ganz in Schwarz auch die Damen und Herren des Ensembles – unter ihnen sechs Bürger/innen aus Weimar –, aufgeteilt in zwei Sprechergruppen. Links die Burschen, rechts die Mädel: Sieben Damen agieren als Amme Kennedy; den zwölf Herren, auch mal in Zweier- oder Dreierteams auftretend, kommen sämtliche männlichen Parts zu. Ob Mortimers glühendes ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Wenn ein 12-jähriges Mädchen ohne Gegenwehr zulässt, dass ein erwachsener Mann Sex mit ihr hat. Wenn dieses Mädchen dem Mann sogar nachgestellt und ihn bedrängt hat. Wenn sie schließlich von zuhause fortläuft, um mit ihm zu fliehen. Ist das dann sexueller Missbrauch oder so etwas wie Liebe?
Ray war vierzig, als er bei einem Grillfest im Nachbargarten Una...
Ruth Berghaus war eine der eigenwilligsten und unangepasstesten Künstlerpersönlichkeiten des deutsch-deutschen Theatergeschehens im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts. Vor allen Dingen mit ihren Operninszenierungen setzte sie Maßstäbe, stellte sie sich quer zu gedankenloser Routine, zu Kunstgewerbe und restaurativer Musiktheaterpflege. Rolf Liebermann,...
Das Thema im sich erinnernden Kopfe hin und her wendend, ist mir schließlich eingefallen, dass ich mit einem meiner Irrtümer anfangen sollte. 1973 inszenierte Klaus Michael Grüber am (mitbestimmten) Schauspiel Frankfurt Brechts Frühwerk «Im Dickicht der Städte». Auf der großen Bühne hatte Eduardo Arroyo hunderte von Schuhen, ausgelatschten, aufschütten lassen. Am...
