Das Make-up der Revolution
In Nürnberg gibt es einen Mann, der ununterbrochen nackt im Kreis läuft; ungefähr eine Stunde lang. Kein Feierabend-Jogger oder Wellness-Athlet, dagegen sprechen schon die wenig fußfreundlichen Militärstiefel, sein einziges Kleidungsstück. Er sieht auch nicht aus, als ob er sich um seine Gesundheit sorgt, und vom Laufen hat er keine Ahnung. Das Tempo entweder zu schnell oder zu langsam, schon nach zehn Minuten kämpft er mit dem Atem, bald tropft ihm der Schweiß vom ganzen Körper, der Kopf glüht immer röter, das Gesicht vom Luftholen verzerrt.
Was ihn jagt, ist der Zeitdruck seiner Multijob-Existenz: rechtzeitig zum Appell erscheinen, Erbsen-Diät für den Doktor, den Hauptmann rasieren, zwischen– durch bei der Freundin und seinem Kind vorbeischauen. Über Lautsprecher jagen diesen Woyzeck das Gelächter und die spöttischen Sprüche seiner wohlwollenden Peiniger, die schließlich selbst auf die Bühne klettern, um ihn mit ihrer guten Laune zu terrorisieren. Irgendwann dreht er seiner blassen Freundin Marie, die mit einer spendablen Zufallsbekanntschaft ein bisschen tristen Spaß hat, einfach den Hals um.
Regisseur Christoph Mehler hat sich über Büchners Woyzeck nicht viele Gedanken ...
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Theater heute März 2012
Rubrik: Aufführungen, Seite 24
von Franz Wille
Ja, die Zeit. Sie ist schon ein bisschen stur, wie sie so unverdrossen immer nur in eine Richtung voranschreitet und gar keine Wiederholung zulässt. So lautet der Tenor von Elfriede Jelineks Stück, das sich einmal mehr als widerständige Textmasse gibt, sich auf Schuberts «Winterreise» bezieht und ein Triptychon mit persönlichen Tönen ist: Zuerst geht es um die Zeit...
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Am Anfang war die Vorhaut, und sie war schnell weggeschnitten. Rituale haben an diesem Abend Konjunktur. Es geht um Juden, Christen, Antisemitismus und Shakespeare. Barry Kosky und seine Dramaturgin Susanne Goldberg haben den «Kaufmann von Venedig» radikal zusammengestrichen. Sie verzichten auf einen Teil der Schauplätze, Handlungsstränge und Figuren und haben dem...
