Das erschütterte Ich
Schreiben kann eine sehr lebendige Praxis sein, sich dem Leben zu entziehen. Wer schreibt, verpulvert kein Geld und vertickt keine Bibliothek, beschimpft niemanden, ist nicht im Bett mit Madonna oder anderen Frauen, reist nicht getrieben durchs Land, kassiert kein Hausverbot, auch wenn all das beim Schreiben sehr intensiv vorgestellt, gefühlt und eben beschrieben werden kann. Schreiben ist deshalb neben vielem anderen auch eine Möglichkeit, sich vor der Welt in Sicherheit zu bringen. Oder?
Ach, man kann auch schreibend jede Menge Mist bauen.
Kurz vor der Jahrtausendwende hackte Thomas Melle zusammen mit einem Freund ein Literaturblog, ein Studentenspaß, schrieb unter den Namen fremder Autoren, sprengte so «Am Pool» und fand sich mitten in seinem ersten manischen Schub wieder. Es war der erst später bewusst als solcher realisierte Auftakt einer heftigen, stellenweise lebensgefährlichen manisch-depressiven Erkrankung, deren Verlauf er in seinem jüngsten Buch «Die Welt im Rücken» zu rekonstruieren versucht: «Ich bin zu einer Gestalt aus Gerüchten und Geschichten geworden. (…) In meinen Büchern ist es unauslöslich eingesickert. (…) Die Fiktion muss pausieren (und ...
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Theater heute Dezember 2016
Rubrik: Bücher, Seite 54
von Eva Behrendt
Die Zeitungen sind auch an dem Morgen, an dem dieser Artikel entsteht, voll. Voll von deutschen Waffen, die im Ausland töten. Jemen. Nordafrika. Ganz aktuell. Die Rüstungsindustrie auf dem Vormarsch. Kein Geheimnis, vielleicht ein Tabu, unsere Gewehre verkaufen sich nun mal gut. Besonders die aus Oberndorf, einem kleinen Ort in Schwaben, wo gleich zwei große...
Der Wunsch nach theatergeschichtlichem Überblick stößt unweigerlich auf Manfred Braunecks lexikalisches Werk. 2010 wurde ihm für seine Forschungen zur «Geschichte des Theaters in all seinen Ausdrucksformen» der Balzan-Preis von gleichnamiger Stiftung verliehen, dessen Preisgeld zur Hälfte – und unter administrativer Obhut des ITI Deutschland – in ein...
Die berühmte Eingangswendung des Dramas ist ausgespart: «Das Land der Griechen mit der Seele suchend», sowas kommt dieser Iphigenie nicht mehr in den Sinn. Auf hohem Podest steht sie, die verschollene Tochter des Troja-Fahrers Agamemnon, die als Priesterin auf Tauris Unterschlupf gefunden und dem eingeborenen Volk das Menschenopfer abgewöhnt hat.
Heimkehr,...
