Das erschütterte Ich
Schreiben kann eine sehr lebendige Praxis sein, sich dem Leben zu entziehen. Wer schreibt, verpulvert kein Geld und vertickt keine Bibliothek, beschimpft niemanden, ist nicht im Bett mit Madonna oder anderen Frauen, reist nicht getrieben durchs Land, kassiert kein Hausverbot, auch wenn all das beim Schreiben sehr intensiv vorgestellt, gefühlt und eben beschrieben werden kann. Schreiben ist deshalb neben vielem anderen auch eine Möglichkeit, sich vor der Welt in Sicherheit zu bringen. Oder?
Ach, man kann auch schreibend jede Menge Mist bauen.
Kurz vor der Jahrtausendwende hackte Thomas Melle zusammen mit einem Freund ein Literaturblog, ein Studentenspaß, schrieb unter den Namen fremder Autoren, sprengte so «Am Pool» und fand sich mitten in seinem ersten manischen Schub wieder. Es war der erst später bewusst als solcher realisierte Auftakt einer heftigen, stellenweise lebensgefährlichen manisch-depressiven Erkrankung, deren Verlauf er in seinem jüngsten Buch «Die Welt im Rücken» zu rekonstruieren versucht: «Ich bin zu einer Gestalt aus Gerüchten und Geschichten geworden. (…) In meinen Büchern ist es unauslöslich eingesickert. (…) Die Fiktion muss pausieren (und ...
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Theater heute Dezember 2016
Rubrik: Bücher, Seite 54
von Eva Behrendt
München und das freie Theater, das war durchaus mal eine Liebesbeziehung, damals in den 1970er und 80er Jahren, als sich allerlei wilde Vögel ungefragt und anfangs auch ungefördert in Kellern und Hallen ans Werk machten, um das Theater in eine von Material und Form her unbegrenzte Dimension zu öffnen, die man sich an den großen Häusern da noch lange nicht...
Als die Blendscheinwerfer verlöschen und der Nebel sich lichtet, schaut das Publikum ins Paradies. Der Schöpfer ist wohl eben ausgetreten, die Schaukel schwingt noch, aber leer. Auf den zweiten Blick erkennt man, wie künstlich das Paradies beschaffen ist. Schilf sprießt am Pool, rechts duckt sich eine Palme, Farn wedelt, Blumen recken die Köpfe nach ihrem...
Wie auf einer riesigen Welle tänzelnd, nähert sich dem Publikum ein schmächtiger, verschlagene Präsenz ausstrahlender Anzugträger. Sein siegesgewisses Lachen überträgt ein zweiköpfiges Kamerateam kinogroß auf den über der Bühne prangenden Bildschirm. Im Nu erklimmt er die Sitzreihen, stellt den in ängstlicher Faszination verharrenden Zuschauern übergriffige Fragen...
