Das Alte saß im Keller

Mit der Wahl von Jair Bolsonaro drohen Kunst und Kultur in Brasilien das Aus

Vor noch nicht einmal zehn Jahren schien Brasilien in eine rosige Zukunft zu sehen. Luiz Inácio Lula da Silva, der als Gewerkschaftsführer und Mitbegründer der Arbeiterpartei PT nach dem Ende der Militärdiktatur seit 1989 sozialistischer Kandidat bei allen Präsident­schaftswahlen gewesen war, hatte 2002 und 2006 diese Wahlen mit Rekordergebnissen von jeweils 61 Prozent Zustimmung gewonnen und es mit einer geschickten Kombination aus Sozial- und Wirtschaftspolitik geschafft, stimmungsmäßig noch weit größere Teile der Bevölkerung hinter sich zu bringen.

Einerseits verhalfen etwa populäre Hilfsprogramme wie «Fome Zero» (Null Hunger) und «Bolsa Familia» (Familien-Geldbeutel) den Ärmsten der Armen zum Aufstieg in eine sich neu formierende untere Mit­tel­schicht, und die Zahl der unter der Armuts­grenze lebenden Brasilianer sank von 40 auf 20 Prozent. Anderseits verzichtete Lula auf ökonomische Umverteilung und Landreformen, setzte die liberale und entwicklungsorientierte Wirtschaftspolitik seines sozialdemokratisch-konservativeren Amtsvorgängers konsequent fort und schaffte es, Brasilien nicht nur weiter als Rohstofflieferanten, sondern immer mehr auch als stabilen Produktionsstandort und florierenden Konsumgütermarkt zu etablieren. Am Horizont schien die Möglichkeit eines sozialen Friedens auf, einer inneren Integration dieses seit der Kolonialzeit zwischen Arm und Reich so krass gespaltenen Landes. 

Freilich störte den neuen Frieden schon damals, dass die Verstrickung auch der nun erstmals regierenden PT in große Korruptionsskandale bekannt geworden war, und dass dieser Frieden selbst hatte teuer erkauft werden müssen durch die Bestechung sehr vieler obskurer, ausschließlich ihrer eigenen Gier verpflichteter Parlamentsabgeordneten. Freilich verwunderte es schon damals, dass auch die PT sich nicht so recht traute, die Zeit und das Erbe der Militärdiktatur aufzuarbeiten und endlich Militär und Militärpolizei entsprechenden demokratischen Reformen zu unterziehen. Es verwundert, dass in den Favelas nicht staatliche Sozialarbeit, sondern die politisch stramm rechts aufgestellten Pfingstkirchen und ihre Moralvorstellungen an Einfluss gewannen. Und dass es zwar zu vielen emanzipatorischen Einzelprojekten, aber kaum zu strukturellen Änderungen von staatlichen Institutionen und privaten Besitz- oder Machtverhältnissen kam. Das neue Brasilien war vor allem ein gutes Gefühl. Das Alte saß derweil offenbar im Keller und wartete ab.

Es ist kaum zu glauben, wie die Zeiten sich gewendet haben in den vergangenen vier Jahren. Man mag seinen Augen und Ohren kaum trauen angesichts des insbesondere in der oberen Mittelschicht entfesselten Hasses auf alles, was «links» und vor allem: weiter unten ist, angesichts der völligen gesellschaftlichen Entsolidarisierung, der breiten Begeisterung eigentlich gebildeter und gemäßigter wohlhabender Stände für die aktive Beseitigung von demokratischen und pluralistischen Grundsätzen, emanzipatorischen Errungenschaften und elementaren Menschen- und Bürgerrechten. 

Wirtschaftskrise, WhatsApp-Echoräume und pseudoreligiös verbrämte Massenverblendung durch die Evangelikalen erklären diesen neuen brasilianischen Faschismus nur teilweise. Nicht nur ist die PT Sündenbock und negative Projektionsfläche für alles nur denkbare Übel geworden, mögliches privates Scheitern und persönliches Verzweifeln inklusive. Die Demokratie selbst ist in Verruf geraten, und mit Diktatur, Verfolgung, Folter, Selbstjustiz und Mord darf wieder geliebäugelt werden. 

Konsequenzen

Für Demokratie und offene Gesellschaft, Minderheiten, Andersdenkende, Umwelt, Zivilgesellschaft, Kultur und auch für Künstlerinnen und Künstler in Brasilien drohen nun schreckli­che Konsequenzen. Wagner Schwartz lebt hier nicht mehr. Der vielfach ausgezeichnete Choreograf, der sich in seiner Performance «La Bête» («Das Tier») nackt in einen Museumsraum legte und dabei von einem vierjährigen, an der Hand seiner Mutter geführten Kind am Fuß berührt worden war, drohte (nicht nur im übertragenen Sinne) der Lynchmord durch eine in Internet-Shitstorms aufgewiegelte Moralistenmasse, die nicht nur ihn, sondern mittlerweile auch Künstlerinnen und Künstler generell als privilegierte Päderasten und verkommene Kommunisten ansehen – und auch offen so bezeichnen. Schwartz blieb zur Sicherheit zuletzt lieber in Paris, im Exil. 

Den größten Kulturveranstaltern des Landes, den Sozialwerken des Handels (SESC) und der Industrie (SESI), droht das Aus, weil ihnen der designierte Finanz-Superminister der Regierung Bolsonaro, Paulo Guedes, die seit den 1940er Jahren gesetzlich garantierte Umlagenfinanzierung aus entsprechend zweckgebundenen Sozialabgaben entziehen will, wenn sie nicht jedweder gesamtgesellschaftlich relevanten Aktivität im Bereich Kunst und kultureller Bildung entsagen. «Käme es zu diesen Maßnahmen, so wäre das ein klarer Akt staatlicher Zensur», warnt Danilo Santos de Miranda, Regionaldirektor des SESC São Paulo und eine der angesehensten, politisch unumstrittensten und integrativsten Personen des öffentlichen Lebens des Landes.


Theater heute Dezember 2018
Rubrik: Foyer, Seite 1
von Matthias Pees