Darmstadt: Im Schleudersitz
So betulich der Abend anhebt, mit versunkenen Fachgesprächen unter Literaturkritiker*innen, so abgedreht endet er: in einem eindringlichen Schwur auf die Azteken, die einer jungen Mexikanerin mehr bedeuten als Gott und Elternhaus.
Denn Roberto Bolaños tausendseitiger Monumentalroman «2666», postum 2004 erschienen, gleicht einer Geisterbahnfahrt: Im Schleudersitz durchquert er die Untiefen des Seins im Allgemeinen und der postkolonialen Gegenwart im Besonderen, er verspinnt in losen Fäden historische Ereignisse wie den Zweiten Weltkrieg mit den heutigen Tragödien an der mexikanisch-US-amerikanischen Grenze und schickt zwischen Nordeuropa und Südamerika zahlreiche Figuren ins Rennen um Liebe und Tod.
Nach seinem Erscheinen wurde der Roman des chilenischen Autors mit Superlativen überhäuft. Dagegen stieß seine deutschsprachige Erstaufführung von Álex Rigola an der Berliner Schaubühne 2014 auf wenig Begeisterung, und natürlich stellt der Brocken eine unmögliche Aufgabe für Theaterschaffende dar. Allerdings können unmögliche Aufgaben auch ziemlich gut fürs Theater sein, wie die Regisseurin Claudia Bossard jetzt am Staatstheater Darmstadt in ihrem Folgestreich des so blutrünstigen wie ...
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Theater heute Januar 2019
Rubrik: Chronik, Seite 56
von Esther Boldt
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Auf den Bühnen von Eimuntas Nekrosius war nie viel Licht – und das entsprach auch seiner Sicht der Dinge. Als der damals 37-jährige litauische Regisseur 1989 zum ersten Mal in Berlin gastierte, war kein Funken Glasnost-Begeisterung zu spüren. Gefragt, was er mit der neuen künstlerischen Freiheit anzufangen gedächte, meinte er lapidar: «Es ist wie mit...
Als sie ihn sieht, erstarrt sie. Ihr Bruder Thomas Sankara trägt die charakteristische rote Kappe und Camouflage-Anzug, ein leichter Schweißfilm bedeckt sein Gesicht. Er blinzelt. Tränen treten in die Augen von Blandine, seiner jüngeren Schwester, heute 51 Jahre alt, Leiterin der Biofarm «Yelemani» (Veränderung). Sie überragt die Puppe um mehr als das Doppelte....
