Bombenstücke
Die deutsche Dramatik hat die Bombe. Sie wird am Flughafen deponiert, sprengt den Stuttgarter Hauptbahnhof in die Luft, ebnet ganze Städte ein, verwüstet Länder, und wenn sie zu weit entfernt von Europa explodiert, dann grüßt ihr Feuerschein wenigstens im Fernseh-Bild, ihr fetter Sound untermalt professionelle Betroffenheit. In zahlreichen neuen Stücken, die in den letzten Monaten zur Uraufführung kamen, wirkte der große Knall als Metapher für die Gegenwart.
Mal ironisch, mal zynisch, dann wieder realistisch oder fantastisch eingesetzt wird die reale oder erwartete Explosion zum Ankläger einer Zeit, die angeblich aus den Fugen geraten ist.
Nun ist keines dieser Stücke zum Wettbewerb um den Mülheimer Dramatikerpreis eingeladen worden, obwohl der Hang zum Drastischen ganz offensichtlich eine virulente Zeiterscheinung ist. Dazu gibt es zwar keine Begründung des Auswahlgremiums, aber doch eine Menge Indizien, warum gute Dramatik sich eben doch besser in der Verweigerung des Knalleffekts entwickelt. Das heißt nicht, dass es keine drastischen Erfahrungen gibt, über die es sich lohnt, Stücke zu schreiben. Missbrauch, Emigrantenschicksale, Armut und ungeklärte Todesursachen sind Themen, die ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Die Truppe, die da ihren Feierabend auf einem Kreativität simulierenden Tapeziertisch im Hamburger Thalia Theater abhockt, könnte direkt von einem Ayurveda-Kurs aus Berlin-Prenzlauer Berg weggecastet sein. Wie in einem Standbild eingefroren, schauen die Anzug-, Goldfummel- und Blumenkleidträger/innen erst mal minutenlang stumm ins Publikum. Einzig die stehende...
Welch eine Verheißung: «Sie müssen das, was Sie lieben, nicht mehr selber machen. Hier geht es» – denn was ist Gefühlsproduktion schließlich anderes als harte Wertschöpfungsmaloche – «um Arbeitserleichterung!» An die Formulierung derart revolutionärer Utopien hat sich das Theater mindestens seit Brecht nicht mehr gewagt!
Im Ernst: René Polleschs «interpassive»...
Das Leben ist wie ein Buster-Keaton-Film: brutal, todtraurig, verlogen, verzweifelt und komisch. Siegfried Kracauer sagte einst über diesen kleinen, schmalen Mann mit dem stoischen Gesichtsausdruck, er habe seine Beziehung zum Le-ben verloren. «Die vielen Gegenstände: Apparate, Baumstämme und Menschenkörper veranstalten ein Kesseltreiben mit ihm, er kennt sich...
