Blick auf den blinden Fleck
Schulniveausenker, Frauenschläger und vielleicht sogar spätere Rentenkassierer – über die gewaltbereiten unsozialen Jugendlichen mit Migrationshintergrund lassen wir uns in Deutschland gerne aus. Für die Generation ihrer Großeltern, die als sogenannte Gastarbeiter in den 60er Jahren nach Deutschland kamen, haben wir uns indes nie interessiert, auch nicht im Theater.
Allmählich scheint sich das jedoch zu ändern: Nachdem Nurkan Erpulat in «Lö Bal Almanya» 2010 fünfzig Jahre Migrationsgeschichte reflektierte, widmet sich nun der türkische Autor, Schauspieler, Arzt und Regisseur Tugsal Mogul am Schauspiel Münster den Biografien dreier Frauen der ersten Einwanderergeneration.
Im Zuge des Anwerbeabkommens kamen sie damals aus der Türkei nach Deutschland und blieben. Mogul nennt die drei in seinem Stück unisono Ayse, denn so unterschiedlich ihre Geschichten auch sind, sie haben doch recht ähnliche Erfahrungen gemacht: Jede von ihnen lockte das fremde Land, wo mehr möglich zu sein schien als in der Türkei (dort erlaubte der strenge Vater seiner Tochter maximal eine Ausbildung zur Schneiderin), bei allen folgte eine Phase der Ernüchterung durch die Realität (statt kultureller Vielfalt wie ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Mai 2013
Rubrik: Chronik, Seite 61
von Natalie Bloch
Ein Stück für Musik, nicht mit Musik, nennt sich Händl Klaus’ neuestes Werk «Gabe/Gift». Ein Stück für Sprachmusik. Händl Klaus, der Spezialist für das absichtsvoll Unheimliche unter den gegenwärtigen deutschen Theaterautoren, ist auch ein Sprachtüftler. Er erfindet eine Familiensprache – kein Dialog, ein gemeinsamer Monolog mit verteilten Silben. Eine Replik ist...
Wer zuhause eine Hölderlin-Ausgabe im Regal stehen hat, lebt gefährlich. Könnte passieren, dass plötzlich ein gutes Dutzend Ordnungshüter im schweren Antiterror-Outfit durch die Haustür drängeln, Nebelgranaten werfen, Maschinenpistolen schwenken und dann die Einrichtung mit viel Liebe zum Detail in Kleinholz verwandeln. Nach zehn Minuten ist das elegante Apartment...
Weiß, oval, eng und weit. Es ist ein Raum irgendwo zwischen White Cube und Gladiatorenarena, den sich Sebastian Hartmann zum Ende seiner Intendanz für seine Leipziger Festspiele ins Centraltheater gestellt hat. Ein Totaltheater, dem nicht nur die Stühle des Zuschauerraums, sondern auch der Deckenleuchter einem riesigen Scheinwerfer weichen musste. Bis zu 200...
