Blaue Augen
Sobald ein Instrument auf der Bühne steht, kann der Schauspieler Tilo Nest einfach nicht widerstehen. Er stürmt also auch im Wiener Akademietheater zur kleinen elektronischen Heimorgel und schlägt die ersten Takte von Lana Del Reys schwermütigem Lovesong «Video Games» an, brüllt dann unvermittelt die Prostitutions-Ausstiegs-Ballade «Roxanne» von Police, um mit «Kiss» von Prince noch einmal sexy Tempo zu machen.
Nest spielt in Henrik Ibsens symbolschwerem Spätwerk «Die Frau vom Meer» (1888) einen alternden Lehrer, der sich gern noch einmal jung fühlen möchte.
Seine Perücke wird er im Laufe des Abends mehr als einmal verlieren, und obwohl er sich einst von Ellida, die inzwischen mit dem Gastgeber Doktor Wangel (Falk Rockstroh) verheiratet ist, bereits eine Abfuhr geholt hat, flirtet er nun mit Wangels Tochter aus erster Ehe, seiner einstigen Schülerin. Natürlich ist Nest eine lächerliche Figur, trotzdem darf er sich am Ende als Sieger fühlen. Die Frauen sitzen in Ibsens klaustrophobischem Kammerspiel nun einmal in der Provinz fest, sie brauchen einen Mann, der sie da rausholt. Aus eigener Kraft geht gar nichts. Insofern könnte man Ibsens Stück auch als eine Art feministischen ...
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Theater heute Oktober 2013
Rubrik: Chronik: Wien Akademietheater, Seite 60
von Karin Cerny
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«In der Nacht des 14. März 1939 träumte Jaromir Hladik, Autor der unvollendeten Tragödie DIE FEINDE, einer RECHTFERTIGUNG DER EWIGKEIT und einer Untersuchung der indirekten jüdischen Quellen bei Jakob Böhme, in einer Wohnung in der Zeltnergasse in Prag von einer großen Schachpartie.»
So lautet der erste Satz von JORGE LUIS BORGES’ achtseitiger Erzählung DAS...
Der eine ist ein früher Bruder von Roland Koch, Ole von Beust, Horst Köhler und entdeckt in der stalinistischen Phase der Französischen Revolution das Sensibelchen in sich. Robespierre dagegen, anders als St. Just noch ein Lehrling des angewandten Machiavellismus, gibt für kurze Zeit tatsächlich den skrupellosen Machtpolitiker, um einige Monate später selbst unter...
Klingt schwer nach Anmaßung: Circa 1.000 Seiten lang ist Hermann Melvilles Jahrhundertroman «Moby Dick» auf Deutsch, 150 Minuten Theaterzeit gewährt ihm in Hamburg Antu Romero Nunes. Allein ist er mit dieser Zurechtstutzungs-Chuzpe allerdings nicht. Melvilles sperriges Amalgam aus Apokalypse und Literaturverweisen, gewundenster Hoch- und Fachsprache neben krudem...
