Besinnung auf das Menschsein
Im zweiten Akt sitzt der Kriegsveteran und Jahrmarktschausteller Eugen Hinkemann in einer Arbeiterkneipe mit ein paar Genossen beim Bier. Einer von ihnen, bei Ernst Toller heißt er Michael Unbeschwert, hat gerade die neue Gesellschaftsordnung in Aussicht gestellt, in der «eine vernünftige Menschheit ein glückliches Dasein» produziert.
Ob das für alle gelte, will Hinkemann wissen, und tastet sich langsam, Frage um Frage, an seinen speziellen Fall heran: Was, wenn ein Mensch krank ist, ein Krüppel, ohne Arm oder Beine, womöglich krank in der Seele, oder was, wenn ihm gar im Krieg das Geschlecht weggeschossen wurde?
Die eigentliche Antwort auf die Frage hat nicht der Wortführer Unbeschwert. Sondern Hinkemann selbst, der den Genossen nun vom Schicksal eines Freundes erzählt, der er eigentlich selbst ist, so peinlich ist ihm das Ganze. Doch dieser «Freund» wird tatsächlich wieder froh, weil sein Weib ihn lieb hatte, «trotz allem. Das Weib hatte seine Seele lieb.»
Verflixt komplizierte Fragen stelle er, bescheinigt ihm Unbeschwert, ein anderer fängt glucksend zu lachen an, ein nächster protestiert, das sei doch zum Weinen. Kein Geschlecht mehr zu haben, kein Mann mehr zu sein, ist in ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Juni 2025
Rubrik: Aufführungen, Seite 13
von Eva Behrendt
Totreife ist ein Begriff aus der Landwirtschaft. Er bezeichnet Getreide, das so erntereif ist, dass die Körner sich von selbst lösen und die Halme absterben. Dass sich so auch die Familiengeschichten aus ihren verschlossenen Kapseln lösen mögen, hofft wohl Matilda. Sie ist siebzehn, auf dem Land aufgewachsen mit Vater Celio und – zumindest in seinen Erzählungen...
ChatGPT hat gelernt. Noch vor einem halben Jahr spuckte die Künstliche Intelligenz nur abstrusen Textmüll aus, wenn man sie bat, eine Theaterkritik zu schreiben. Aber wenn man heute eine Kritik zur Premiere «A perfect Sky» am Deutschen Schauspielhaus Hamburg anfragt, bekommt man einen zwar sprachlich holprigen, inhaltlich aber korrekten Artikel geliefert. «‹A...
Lukas Beeler rollt dramatisch die Augen. «Was einmal war, in allem Glanz und Schein / Es regt sich dort; denn es will ewig sein», deklamiert er mit bebender Stimme Verse aus Goethes «Faust 2», die als flackerndes Live-Video aus der Unterbühne ins Dortmunder Schauspielhaus projiziert werden, laut, dramatisch, direkt in die Kamera gesprochen. Und es dauert ein...
