Berlin: Im Getriebe der Welt

Heiner Müller «Die Umsiedlerin»

Auf die Idee, «Die Umsiedlerin» zu spielen, muss man auch erst einmal verfallen, dieses Frühwerk Heiner Müllers über die Jahre der Bodenreform nach 1945. Wenn Bauern in Blankversen die neue Zeit durchdebattieren: die kommunistischen Versprechungen gegen den Nachkriegsmangel, das Pathos des Aufbruchs gegen den ideologischen Ballast der Nazi-Jahre. Und am Horizont zeichnet sich bereits die große sozialistische Kollektivierung ab, die Kolchose, die im Osten Deutschlands «Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft» hieß.

Dieser Horizont und mithin die Brisanz der im Stück verhandelten Fragen verblassten ungewöhnlich schnell. Bei der ersten großen Volksbühnen-Aufführung 1976, vierzehn Jahre nach Entstehung des Stücks, sei das Ganze «für die Leute schon eine sehr ferne Ge­schichte» gewesen, diagnostizierte Heiner Müller in seiner Autobiografie «Krieg ohne Schlacht» (1992). Um wie viel mehr sollte das in unseren Tagen gelten, da man das Spiegelteleskop auspacken muss, um noch einen Schweif versunkenen Lebens darin auszumachen. 

Andererseits umwölkt «Die Umsiedlerin» ein geradezu sagenhafter Nimbus. Nach der studentischen Uraufführung 1961 unter B.K. Tragelehn wurde der robuste ...

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Theater heute Juni 2019
Rubrik: Chronik, Seite 47
von Christian Rakow