Berlin: Große Erwartungen
Die heimlichen Helden des Abends sind die Saaldiener und -dienerinnen. Denn egal, was an diesem Abend auf der Bühne passiert, stets sind sie bereit, unerschrocken in den Zuschauerraum zu stürzen und ungehorsame Gäste zu ermahnen. Also die, die trotz ausdrücklichem Fotoverbot ihr Handy zücken. Schweigsam halten die fleißigen Helfer dann Tablets hoch, auf denen ein durchkreuztes Kamerasymbol aufleuchtet. Aufs Smartphone bannen darf das geneigte Publikum nämlich lediglich das «Verbeugungsfinale», wie laut und deutlich vor Beginn der Aufführung mitgeteilt wurde.
Schließlich herrscht hier nicht die milde Anarchie irgendeiner Hauptstadtbühne, sondern man befindet sich im geordneten Raum des Friedrichstadtpalasts, wo seit Jahrzehnten gut organisiert Tanzbeine geschwungen und schöne Körper ausgestellt werden. Es gibt Begrüßungssekt, und im Foyer steht ein teures Auto, dessen Hersteller den Revuetempel sponsert. Der gewährt dieses Mal statt Busladungen von Touristen, Massen an lokalen Hipstern, Kulturintellektuellen und ein paar fernsehbekannten Promis Einlass. Geladen hat René Pollesch, der im unbehausten Zustand ja gerne mal auf unerwartete Orte ausweicht. Immerhin ist der Palast nur ...
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Theater heute Dezember 2019
Rubrik: Chronik, Seite 50
von Kristin Becker
Nein, keine besonderen Neuigkeiten. Wer sich durch das eindrucksvollste Zahlenwerk zum deutschen Theater, die gerade erschienene Theaterstatistik des Deutschen Bühnenvereins 2017/2018 blättert, sieht auf den ersten Blick business as usual. Keine Abstürze, keine steilen Zuwächse. Der Motor brummt.
Auf den zweiten Blick brummt der Motor immer noch, allerdings...
«Ich bin’s», hört man Anita Vulesicas Stimme zunächst aus dem Dunkel, «die mit den zwei Stimmlagen.» Klingt gut – stimmt aber nicht. Tatsächlich sind es mindestens zweihundert Facetten, in denen die Schauspielerin hier mit ureigenem Witz ihre Lebensbetrachtungen in die Karrierestationen des Popstars Madonna hinein verschachtelt. Der Soloabend «Mother», den Vulesica...
Die sprachliche Lieblingsformel von Philipp Ruch ist «Wir müssen». Über hundert Mal wird in dem schmalen Essaybüchlein «Schluss mit der Geduld» gemusst. Und immer geht es dabei ums Ganze. «Wir müssen Unversöhnlichkeit mit dem Feind lernen.» «Wir müssen das Territorium des Idealismus zurückgewinnen.» «Wir müssen uns für die Humanität entscheiden und notfalls für...
