Berlin: Affekte, Effekte
Am Anfang ist das Wort, das Wort hat große Buchstaben, und es heißt: AFFEKT. Gefühlte fünf Minuten lang rauschen Spinoza, Deleuze et altera in Druckbuchstaben übers weiße Feld und klären auf, was unter Affekt zu verstehen sei: das Unkontrollierbare, das den Körper unmittelbar ergreift, Furcht, Ekel, Liebe, Eifersucht ...
Man darf diese akademische Einführung in Racines alle Regeln des klassischen Dramas musterhaft erfüllende Tragödie der «Phädra» sicher als Legitimationsversuch lesen: Warum man das Drama einer reiferen Frau, die erst vor verbotener Liebe zu ihrem jungen Stiefsohn und dann vor Eifersucht rast, in Zeiten, da nichts mehr verboten ist und in Frankreich ein 39-Jähriger mit 25 Jahre älterer Ehefrau Präsident wurde, eigentlich noch spielen soll? Weil es in affektgesteuerten Zeiten voller Hassprediger, Präsidentenclowns und Emoticons etwas erzählt über die unheilvolle Wirkung der Affekte!
Das ist zwar um mehrere Ecken gedacht, wird aber in den kommenden zwei Stunden zur alles steuernden Szenenanweisung im spitzwinkligen weißen Dreieck, das Katja Hass Stephan Kimmig auf die Bühne des Großen Hauses gestellt hat. Ganz treue Exekutoren des Textes, ganz ohne Musik, Video, ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Juli 2017
Rubrik: Chronik, Seite 61
von Barbara Burckhardt
Nachdem vor kurzem die wichtigste liberale Zeitung «Népszabadság» eingestellt wurde und nach dem regimeaffinen Eigentümerwechsel bei mehreren Radio- und Fernsehsendern, gerät die Pressefreiheit – so auch dem Freedom House Report zufolge – in Ungarn in immer größere Gefahr. In den letzten Freiräumen, auf YouTube, Facebook und auf der Straße bei Demonstrationen...
Just an dem Tag im März, an dem Bundespräsident Steinmeier sagte, bei einigen «Menschen gerät, wenn sie anonym kommunizieren, die Sprache offenbar schnell außer Kontrolle» und es gebe nicht mehr die Haltung, dass auch der andere Recht haben könnte, stand in der Blue Box des Nürnberger Schauspielhauses Mark Zuckerberg auf der Bühne und flehte eine junge Frau an:...
Ich möchte im Folgenden einige dringliche, bruchstückhafte und unfertige Gedanken über unsere globale Gegenwart mit Ihnen teilen; darüber, was unsere heutige Zeit im Kern ausmacht; was diesen eigentümlichen Moment, den unsere Welt derzeit durchlebt, beschreibt. Da es letztlich auch darum geht, unserer Zeit einen Namen zu geben, erlaube ich mir zu behaupten, dass...
