Bremen: Was Sie sich wieder zusammenreimen!
«Einfach ist der Kampf der Generationen sowieso nie.» Die Mutter starrt ins Leere, desillusioniert, einsam; sie hat die Vorstellung aufgegeben, Einfluss auf ihren pubertierenden Sohn zu haben. Auf ihren Sohn, der sich falsche Freunde gesucht hat, der sich radikalisiert hat, im Internet, wo auch immer, man weiß so wenig. Jedenfalls: Der Sohn hat einen Anschlag verübt, in der U-Bahn, Nervengas, 30 Verletzte, 184 Tote, davon 70 Schüler, 20 Kinder. Und die Mutter sitzt jetzt da, erschüttert, verstört, nicht fähig zu trauern.
Tom Lanoyes «Gas – Plädoyer einer verurteilten Mutter» ist ein schwieriger Theatertext. Ein langer Monolog, in dem die Mutter sich erklärt, ihre Unsicherheit formuliert, ihre Angst, ihre Schuldgefühle, ihre Rechtfertigungen. «Was habe ich falsch gemacht?» Aber: Der Text hat eigentlich keinen Adressaten, man weiß nicht, in welcher Situation die Frau spricht. Ein «Plädoyer» ist «Gas» jedenfalls nicht, auch wenn der Untertitel das nahelegt, dazu fehlt das Gegenüber, jemand, vor dem sich die Protagonistin verteidigt. Und eine Theatersituation ist es ebensowenig, auch wenn das Publikum ein-, zweimal direkt angesprochen wird. Der Text lässt einen alleine, man muss eine ...
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Theater heute Juli 2017
Rubrik: Chronik, Seite 61
von Falk Schreiber
Wer wissen will, wie es um das deutsch-türkische Verhältnis steht – sowohl unter Deutschen und Türken wie unter Deutschtürken – der ist in der Kölner Keupstraße am richtigen Ort. Gleich nebenan, im Depot des Kölner Schauspiels, hat Nuran David Calis ein Sequel seiner szenischen Interkultur-Recherchen «Die Lücke» (2014) und «Glaubenskämpfer» (2016) aufgelegt, das...
Am Anfang ist das Wort, das Wort hat große Buchstaben, und es heißt: AFFEKT. Gefühlte fünf Minuten lang rauschen Spinoza, Deleuze et altera in Druckbuchstaben übers weiße Feld und klären auf, was unter Affekt zu verstehen sei: das Unkontrollierbare, das den Körper unmittelbar ergreift, Furcht, Ekel, Liebe, Eifersucht ... Man darf diese akademische Einführung in...
Ich möchte im Folgenden einige dringliche, bruchstückhafte und unfertige Gedanken über unsere globale Gegenwart mit Ihnen teilen; darüber, was unsere heutige Zeit im Kern ausmacht; was diesen eigentümlichen Moment, den unsere Welt derzeit durchlebt, beschreibt. Da es letztlich auch darum geht, unserer Zeit einen Namen zu geben, erlaube ich mir zu behaupten, dass...
