Bremen: Was Sie sich wieder zusammenreimen!
«Einfach ist der Kampf der Generationen sowieso nie.» Die Mutter starrt ins Leere, desillusioniert, einsam; sie hat die Vorstellung aufgegeben, Einfluss auf ihren pubertierenden Sohn zu haben. Auf ihren Sohn, der sich falsche Freunde gesucht hat, der sich radikalisiert hat, im Internet, wo auch immer, man weiß so wenig. Jedenfalls: Der Sohn hat einen Anschlag verübt, in der U-Bahn, Nervengas, 30 Verletzte, 184 Tote, davon 70 Schüler, 20 Kinder. Und die Mutter sitzt jetzt da, erschüttert, verstört, nicht fähig zu trauern.
Tom Lanoyes «Gas – Plädoyer einer verurteilten Mutter» ist ein schwieriger Theatertext. Ein langer Monolog, in dem die Mutter sich erklärt, ihre Unsicherheit formuliert, ihre Angst, ihre Schuldgefühle, ihre Rechtfertigungen. «Was habe ich falsch gemacht?» Aber: Der Text hat eigentlich keinen Adressaten, man weiß nicht, in welcher Situation die Frau spricht. Ein «Plädoyer» ist «Gas» jedenfalls nicht, auch wenn der Untertitel das nahelegt, dazu fehlt das Gegenüber, jemand, vor dem sich die Protagonistin verteidigt. Und eine Theatersituation ist es ebensowenig, auch wenn das Publikum ein-, zweimal direkt angesprochen wird. Der Text lässt einen alleine, man muss eine ...
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Theater heute Juli 2017
Rubrik: Chronik, Seite 61
von Falk Schreiber
Ich möchte im Folgenden einige dringliche, bruchstückhafte und unfertige Gedanken über unsere globale Gegenwart mit Ihnen teilen; darüber, was unsere heutige Zeit im Kern ausmacht; was diesen eigentümlichen Moment, den unsere Welt derzeit durchlebt, beschreibt. Da es letztlich auch darum geht, unserer Zeit einen Namen zu geben, erlaube ich mir zu behaupten, dass...
Mai 1945. Mit der Kapitulation Hitlerdeutschlands ist auch für den faschistischen kroatischen Ustascha-Staat der Krieg verloren. Um der Rache der Tito-Partisanen zu entgehen, flüchten die kroatischen Soldaten, begleitet von ihren Familien und anderen Zivilisten, nach Norden, bis über die slowenisch-österreichische Grenze, wo sie sich den britischen Besatzern...
Auf dem Büchertisch im Erlanger Theater lag es: das gelbe Reclam-Heftchen mit Heinrich von Kleists berühmtem Aufsatz «Über das Marionettentheater». Darin ist zu lesen von den heftigen Zweifeln des Dichters: Puppen- und Figurentheater hält er für etwas «Zusammengezimmertes», das «den Pöbel durch kleine dramatische Burlesken, Gesang und Tanz» belustigt, für «etwas...
