Basel: Drei Meilen hinter Weihnachten
Zwei Stücke hat Philipp Löhle bereits geschrieben, in denen er uns die normative Sozialisation eines Sohnes und einer Tochter vor Augen führte. In «Du (Normen)» und «Du (Norma)» war man Zeuge artspezifischer Lebensläufe und bis zur Kenntlichkeit entstellter Familienstrukturen. Um Familie geht es auch jetzt. Wir sehen: einen Vater, eine Mutter, den Sohn, die Tochter, einen drogenliberalen Hippieonkel. Da angeführt wird, es handele sich um ein «autobiografisches Stück», sollte man davon ausgehen, dass der Sohn im Mittelpunkt steht. So ist es dann auch.
Lange Zeit genießt der Filius die Annehmlichkeiten einer aufblühenden Wirtschaftswundergesellschaft: Häuschen, Pool, zweimal Urlaub, Skateboard. Dann stirbt die Oma und geht den finalen Weg unter Zuhilfenahme sterbenserleichternder Maßnahmen. Zu diesem Zeitpunkt ist Löhles Schlaraffia wie weiland bei Hans Sachs noch eine fette Wiese für faule Genießer, «drei Meilen hinter Weihnachten». Alles könnte so weitergehen, plötzlich aber hat der Sohn ein Erweckungserlebnis.
In einer Vollmondnacht fällt ein «schwarz gekleideter Mann mitsamt einem Teil der Wand ins Zimmer» und öffnet dem Filius die Augen. Der tumbe Sohn mutiert zum ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Juli 2017
Rubrik: Chronik, Seite 60
von Jürgen Berger
Ein Mann, später noch ein zweiter sowie eine Frau – in einer Verhörsituation. Die immer wieder von Jump Cuts kurz gestörten Bilder sind schwarzweiß (so wie der Film insgesamt), die Delinquenten uns gerade zugewandt. Sie haben geschorene Köpfe, tragen stilisierte graue Jacken, sprechen frontal in die Kamera, jeweils im exakt gleichen Ausschnitt, wie auf einer...
Unter Tage wird geschuftet. Nähmaschinen rattern, Zuschneideapparate kreischen, Ventilatoren surren, und aus dem fensterlosen Lagerhintergrund dringen diffuse Dröhn- und Stampfgeräusche. Neonröhren und vergitterte Fernsehbildschirme, über die der tschechische Trickfilm «Der kleine Maulwurf» flackert, spenden fahles Licht, zwischen Tischen und Raumteilern,...
Was heißt Schauspielen heute? In den vergangenen Festivalwochen zeigte das Berliner Theatertreffen eine Auswahl sehr heterogener Spielweisen. In Forced Entertainments «Real Magic« sind es feine darstellerische Nuancen, die das Monströse einer einfachen Situation durch viele Wiederholungen und kleine Abwandlungen sichtbar machen. Simon Stones Inszenierung von «Drei...
