Basel: Familiensache
Ödipus hat eben noch Nachrichten geglotzt. Das Volk rotte sich auf den Straßen zusammen, berichtet er seiner Gattin Iokaste, die zwar eben noch einen Apfel geschält, aber, als Ödipus endlich ins Schlafzimmer tritt, längst die Hoffnung auf einen Sündenfall aufgegeben hat. Sie liegt im Bett, er macht sich bettfertig. Eine Lage zum Vergessen, wer hier der Regent ist und wer die politische Verantwortung trägt.
Genau das tut Michael Wächters König Ödipus in der Neufassung der Sophokles-Tragödie von Antonio Latella und Federico Bellini, die das Theater Basel als Auftragswerk uraufgeführt hat, konsequent. Er vergisst seine Stellung und fragt sich bohrend, wer er ist. Während Barbara Horvaths Iokaste ihrem Gatten zwecks Zerstreuung düsterer Gedanken Oscar Wilde vorliest, starrt Wächter ins Nirgendwo. Die Augen wie ausgeleert. Klassischer Fall von Identitätskrise.
Tragischerweise erwischt Iokaste ausgerechnet die Szene aus «The Importance of Being Earnest», in der ein Sohn die verlorene Mutter wiederfindet. Das kann ein Ödipus nicht komisch finden. Stattdessen überfällt ihn ein surrealer Traum: Ein Nackter (Michele Andrei) schiebt einen Kinderwagen herbei, begleitet von Kuhglocke und ...
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Theater heute April 2016
Rubrik: Chronik, Seite 52
von Stephan Reuter
Drei Männer joggen im Karree. Nach olympischem Übereifer sieht das nicht aus, eher nach dieser Sorte pflichtschuldiger Nachlässigkeit, die zu sehr viel früheren Zeiten dem Kirchgang vorbehalten war. Aber bitte, man joggt.
Man, das ist in diesem Fall Mann, der Scheitel schon schütter, doch die Bauchmuskeln straff, geschuldet hundert Sit-ups täglich. Sagt Mann....
«Authentizität?» Sibylle Berg fängt sofort an, verbal zu holpern und zu stolpern. Schwieriges Wort. Schwierige Anforderung. Die sogenannte Echtheit «ist ja Quatsch. Musst dich ja ankleiden, verhalten, rüsten». Authentisch nein, ehrlich ja. Z.B., wenn sie den beiden von ihr als «Doku-Schlampen» titulierten Filmerinnen Wiltrud Baier und Sigrun Köhler (die als «Böller...
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