Avancen aus der Trennungskrise

Die frisch von der Schaubühne Berlin getrennte Sasha Waltz kokettiert in «Gezeiten» mit der Katastrophe

Theater heute - Logo

In Trennungskrisen neigt der Mensch zur Übertreibung und zur Offensichtlichkeit. Jeder kennt das: Man redet zu viel, lacht zu laut, weint zu falsch. Man weiß nicht mehr, wer man ist, was man will und was man kann, aber das mit aller Entschiedenheit. Es muss die Angst vor dem Verschwinden sein, die in Zeiten des Wandels zu unkontrollierten Gefühlskundgebungen und zwanghaften Selbstoffenbarungen führt.

Die Angst vor dem Niemandsland zwischen Nicht-mehr-hier und Noch-nicht-dort, wo die alten Ego-Fassaden sich zerschlagen haben und neue noch nicht errichtet sind, so dass der Mensch genötigt ist, durch prophylaktischen Exhibitionismus zu vermeiden, dass er sich unfreiwillig eine Blöße gibt.

Von dieser Angst vor dem plötzlichen Verlust aller Selbst-Gewissheiten und dem Zwang, sich hinter noch instabilen Selbst-Behauptungen zu verstecken, will Sasha Waltz in ihrem jüngsten Tanztheater-Epos «Gezeiten» erzählen. Und es hätte ihr womöglich gelingen können, wäre ihre Aufführung nicht selbst das Opfer einer Trennungskrise, angekränkelt vom Angstzwang zur Selbstdarstellung, gezeichnet von Desorientierung, Profilierungswut, der nervösen, sprunghaften Suche nach einer neuen Identität.

 

In der ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Januar 2006
Rubrik: Tanztheater, Seite 20
von Meike Matthes

Vergriffen
Weitere Beiträge
Dem Unerlösten auf der Spur

Ruth Berghaus war eine der eigenwilligsten und unangepasstesten Künstlerpersönlichkeiten des deutsch-deutschen Theatergeschehens im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts. Vor allen Dingen mit ihren Operninszenierungen setzte sie Maßstäbe, stellte sie sich quer zu gedankenloser Routine, zu Kunstgewerbe und restaurativer Musiktheaterpflege. Rolf Liebermann,...

Im Behaglichkeitsbollwerk

Sein Haus, seine Gäste, seine Frau. Der Mann, Jean Hervey, ist zufrieden. Der Zuschnitt, den er seinem Leben gegeben hat, ist auf korrekte Weise luxuriös. Von einem wohlhabenden Erwerbsbürger dieser Jahre um 1900 erwartet man nichts anderes. Und das wärmt sein konformitätsbedürftiges Herz, was wiederum die stärkste Emotion sein dürfte, derer er fähig ist.

Mit...

Komm, ich zeige dir mein Themenalbum

Da stehen sie in einer Reihe. Bevor in Hannover das große Schlachten anhebt, befinden sich Richard Gloster, seine künftigen Opfer und deren Angehörige auf Augenhöhe. Ein jeder spricht ein paar alarmierte Thesen von Baudrillard oder Giorgio Agamben und trägt so sein Scherflein zur Gegenwartsdiagnose bei, derzufolge wir sexuell, politisch und ästhetisch komplett auf...