Aus zweiter Hand
Am Schluss raffen sich alle noch einmal auf für ein Tableau der allgemeinen Beglückung: Der kastrierte Hofmeister hat sein Landmädchen gefunden, die ausgeflogene Jungfer Gustchen kehrt, samt Kind, heim in den Schoß ihrer Adelsfamilie und an die Trauhand ihrer Jugendliebe Fritz von Berg. Man lächelt breit, ein Hauch von Seifenoper weht durch den Raum. Dann aber lassen alle ihre Köpfe auf die Tische sinken. Wenn die Nerven eigentlich zerrieben sind, fällt es schwer, aufrecht und wohlgestimmt für das Jubeltagsfoto zu posieren.
Sie fand unter erschwerten Bedingungen statt, die diesjährige Spielzeiteröffnung am Bremer Haus. Vier Tage vor der Premiere fiel Hauptdarsteller Alexander Rossi mit einem Muskelfaserriss aus. Sein Ersatz in der Titelrolle, Torsten Ranft, lässt ahnen, dass diese Sportlerverletzung nicht von ungefähr kommt. Der Läufer ist hier durchaus wortwörtlich aufgefasst. Von Beginn an wirkt er fiebernd und nervös und lässt die Beine fliegen. Seine Seele gleicht einem Schwamm, den man entsprechend ausdrucksstark auspresst.
Damit befinden wir uns nahe beim «Lenz» von Büchner mit seinem Interesse an der zerrütteten, manischen Existenz des Dramatikers. Ganz analog fasst ...
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Durch das Logo von Deutschlands größtem Kinder- und Jugendtheater fliegt neuerdings ein Flugzeug. Vorläufig nur auf Papier, doch bald soll es auch vom Bühnenturm des Theaters leuchten und damit eine alte Tradition wiederbeleben. Bis 1990 strahlte von dort nämlich der ursprüngliche Name des Hauses «Theater der Freundschaft» in Leuchtbuchstaben über den Berliner...
Neuerdings sind Ibsens bürgerliche Damen ziemlich schnell mit der Knarre. Anne Tismers Nora hatte ihren Helmer vor drei Jahren an der Schaubühne so nachhaltig durchlöchert, dass er mit seinem letzten Satz im überschwappenden Aquarium landete. Susanne-Marie Wrages Hedda Gabler 2003 in Basel kugelte wie Halle Berry durchs Wohnzimmer, die Beretta nach halbem...
Ein Lagerfeuer in der Bühnenmitte. Abiturienten tanzen, angeheizt von einem Akkordeonspieler mit russischem Soldatenkäppi. Rechts stehen massige Pfeiler im Bogen bis zur Hinterbühne. Gedämpftes Licht. Einen Vorhof zur Unterwelt – halb Kanalisation, halb Flussbett – hat Stefan Heyne auf die Bühne des Staatsschauspiels gebaut. An ihrem äußeren Rand hängt eine...
