Aufstand gegen die Dummheit

David Harrower «Messer in Hennen»

Theater heute - Logo

Messer in Hennen» von David Harrower ist so ein Beispiel dafür, wie rasch und sanft sich bis vor kurzem noch als radikal, abgründig und umwälzend gehandelte Stücke in den Stadttheater-Spielplan einfügen.

Griffig und assoziativ genug der Titel (bei «Shoppen und Ficken» aus der gleichen Entstehungszeit beispielsweise würde der Kulturausschuss schon hellhöriger werden), neumodisch versch(r)oben und reduziert die Handlung, Schauspieler-Futter für die Kleinst-Besetzung: Da kann sich mal «die junge Garde» dran «probieren», wenn’s hochkommt ein bisschen «austoben» – das ist was für die «Kammer».

Aber, ziemlich genau zehn Jahre nach der Uraufführung (und acht Jahre nach Thomas Ostermeiers Berliner Baracken-Inszenierung) noch einmal betrachtet: Ist es wirklich viel mehr als eine nur relativ gewagte und bisweilen gehörig gedrechselte Sprach-Spielerei, ein sehr bemühter Solidarpakt mit den Underdogs, ein ziemlich abgehobener und somit gefährlich sicherer Blick in die Abgründe gesellschaftlicher Randexistenzen? So oft zum Beispiel das Wörtchen «archaisch» auftaucht im Zusammenhang mit dem Stück, so oft empfiehlt es sich heute in Deckung zu gehen, weil es in der Regel nichts weiter umschreibt ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute November 2005
Rubrik: Chronik, Seite 41
von Bernd Noack

Vergriffen
Weitere Beiträge
Wo der Bluff blüht

Zwei Pokerspieler, die ihre Karten nie offen auf den Tisch legen. Ost und West. Die Einsätze wachsen und schrumpfen im spekulativen Feuer; der Bluff blüht. Das Weiterspielen allein zählt, no game over. Dann fällt die Mauer 1989, die Karten sinken. Mit runtergelassenen Hosen steht der Zocker Ost. Wie kann man jetzt noch weiterspielen, wo sich das Blatt des Partners...

Gewalt und Versenkung

Noch ist der Kampf nicht ausgefochten. Noch kann sich Anatolij Wassiljew, einer der herausragenden Erneuerer des russischen Theaters aus der inzwischen älteren Generation, nicht wirklich sicher sein, dass die von ihm initiierte, vom mächtigen Moskauer Bürgermeister Jurij Luschkow nachhaltig geförderte und darum lange Zeit schier unaufhaltsam expandierende «Schule...

In der Pathosdestille

Mit Destillaten ist es so eine Sache. Die Verknappung und Verdichtung aufs Wesentliche, aufs gewissermaßen Hochprozentige, die der Begriff zu versprechen scheint, ist leichter angesagt als getan. Helmut Krausser nennt seinen dramatischen «Gesang vom Untergang Burgunds» ein «Nibelungendestillat» und zitiert als Motto auch gleich noch Heidegger: «Die Sprache ist die...