Auf schmalem Grat

Krzysztof Warlikowski inszeniert «Phèdre(s)»-Überschreibungen mit Isabelle Huppert in Paris. Falk Richter und Stanislas Nordey beschwören den Geist Fassbinders in «Je suis Fassbinder»

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Ein Schulkamerad steckt dem jungen Marcel in Prousts «Suche nach der verlorenen Zeit» mal einen Vers. Racine, sagt dieser Bloch, habe einen Alexandriner geschrieben, der rhythmisch ziemlich gut sei, aber darüber hinaus noch den viel größeren Vorzug besitze, dass er absolut nichts aussage. Und wie lautet dieser Vers? «La fille de Minos et de Pasiphaé» – die Tochter von Minos, dem König von Kreta und der Unterwelt, und der Schwester von Circe ist, nun eben, Phädra.

 

Racines «Phèdre» wird Marcel in allen Lebenslagen begleiten, selbstredend kann er sie auswendig, und auch die vergötterte Berma, die Tragödin, der Sarah Bernhardt Patin gestanden hat, rezitiert sie in einer Schlüsselszene. Davon ist Marcel dann allerdings ein wenig enttäuscht: Die fantasierte Vorstellung war doch besser. «Phèdre» zieht sich wie ein roter Faden durch die «Recherche» und durch Marcels Amouren; vielleicht lässt sich der Roman erst durch die Tragödie begreifen. Und auch in weniger gelehrsamen Zeiten als denen von Marcel Proust darf man getrost davon ausgehen, dass der Stoff in Frankreich bekannt ist: «Phèdre» ist nicht einfach ein Theaterstück, es ist nationales Kulturgut. 

 

«Phèdre(s)» wahlweise im Plural ...

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Theater heute Juni 2016
Rubrik: Ausland, Seite 32
von Andreas Klaeui

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