Auf den Standpunkt kommt es an
Natürlich sind wir Kulturkonsumenten politisch wahnsinnig gebildete Zeitgenossen. Sobald es allerdings um etwas mehr als die (griechische) Staatspleite oder Guido Westerwelles Vorstellungen von «spätrömischer Dekadenz» geht, können sich durchaus Wissenslücken auftun. Wieso bissen sich zum Beispiel Nikita Chruschtschow und Walter Ulbricht bei ihrem Treffen am 1.
August 1961 im Kreml – dreizehn Tage vor dem Bau der Berliner Mauer – an einem Misserfolg in der ostdeutschen Kartoffelernte fest? Welche Rückschlüsse zogen Ärztinnen im Kosovokrieg aus den Wundrändern tödlich Verletzter? Und mit welchen Winkelzügen versuchten Systemträger des südafrikanischen Apartheid-Regimes, vor der Wahrheits- und Versöhnungskommission ihre Schuld zu relativieren?
Solche Lücken schließt der 48-jährige Dokumentartheatermacher Hans-Werner Kroesinger auf einem Niveau, das Theatergängern vergleichsweise tiefe Denkfurchen in die Stirn prägt. 2.000 Lektüre-Seiten, sagt er, könnten bei der Vorbereitung auf ein neues Projekt schon zusammenkommen. Die fünf Zeitungen, die Kroesinger jeden Morgen durchblättert, sind da wahrscheinlich noch gar nicht eingeschlossen. Und egal, wie stark der Regisseur die ...
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Peter Zadek hat 1966 im Bremer Theater «Die Räuber» inszeniert, Wilfried Minks hat ihm einen Comic-Strip-Guerillero mit Maschinenpistole im Stile Roy Liechtensteins als Bühnenbild gemalt, Bruno Ganz spielte die Kanaille Franz Moor – und Theaterdeutschland bebte fast so wie der Mannheimer Theatersaal bei der Uraufführung von Friedrich Schillers Stück am 13. Januar...
Kassandra ist eine Metapher. Das Stück handelt nicht vom Trojanischen Krieg, sondern vom Schicksal afrikanischer Boat People, die unter Lebensgefahr die Flucht nach Europa wagen. Der Name im Titel meint keine bestimmte Figur, sondern ein Phänomen: Es gibt Situationen, in denen Aufklärung zwecklos ist, wenn nicht sogar kontraproduktiv. Kassandra hat bei Kevin...
Der Süden. Eine Insel irgendwo zwischen Griechenland und Ägypten. Die letzte Folge eines tragischen Stoffs. Euripides und Peter Handke als Autoren. Birgit Minichmayr und Ernst Stötzner als kriegs- und krisengeschütteltes Ehepaar Helena und Menelaos. Und Regie Luc Bondy – in Wien weiß man halt, wie man sein Publikum in den Sommer schickt. Auch andernorts werden...
