Auf dem Kampfplatz der Sätze
Zweimal Elfriede Jelinek am Rhein, zwei rivalisierende Städte, zwei gegensätzliche Konzepte für den Umgang mit Jelineks Texten: einmal «Skandal», einmal «Triumph». Der Düsseldorfer Skandal dauerte zwei Vorstellungen lang: massenhafter Abgang des Publikums während der Premiere, ein Zuschauer bespuckt eine Regieassistentin nach der zweiten Vorstellung. Ab der dritten Vorstellung war das vorbei. Man hatte auch in Düsseldorf begriffen, worum es hier geht: um ein provokatives Gedenken der Opfer, das die Rituale der Vergangenheitsbewältigung sprengen will.
Mit dieser Erwartung, abgefedert durch eine Einführung durch den Dramaturgen vor jeder Vorstellung, verfolgt das Publikum seitdem die Aufführung.
Distanz durchbrechen: «Rechnitz»
Wie alle Regisseure von Jelinek-Texten muss Hermann Schmidt-Rahmer in Düsseldorf ein Bühnengeschehen erfinden, das den Worten sowohl entspricht als auch widerspricht, das Humor und Verzweiflung, Repräsentation und Performance, Abbildung und Unmittelbarkeit in ein Spannungsverhältnis bringt. Aber bei ihm fehlt alle verspielte Heiterkeit, alle zweideutige Flaxerei. Der Humor bleibt immer grimmig. Der Anfang ist so locker wie möglich: Alle Schauspieler ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Das könnte Sie auch interessieren:
Mülheimer Dramatikerpreis 2009 für «Rechnitz» - Elfriede Jelineks Dankesrede
«... oder Ein Puppenhaus»: Den Titel wörtlich nehmend, dreht sich Nora als Ballerina im Babydoll und mit plustrigem Rothaar auf giftgelbem Boden der Oberhausener Bühne, die bis auf eine grellgrüne Tannenbaum-Silhouette leer und von jederlei bürgerlichem Inventar verschont bleibt. Nora gehört ganz ins 19. Jahrhundert. Aber diese hier nicht in ein Salonstück und...
Sollte vom deutschen Privatfernsehen, dieser großartigen Trashverfertigungsanstalt für alle, von all seinen Primatenbräuten namens Daniela Katzenberger und Mittelstandsmarionetten wie Lena Meyer-Landrut einmal nichts übrigbleiben als ein dickes, orangefarbenes Buch, dann, ja dann darf man sagen: Es hat sich gelohnt. Jahre der Plackerei in den Castingfabriken der...
Sehr hoch, sehr rot sind die Lackpumps, mit denen der geschniegelte römische Abgesandte Ventidius um die barfüßige germanische Fürstengattin Thusnelda wirbt. Auf diesen hohen Hacken überragt die majestätische Wiebke Puls ihren Hermann um Haupteslänge, und wenn Peter Kurth, die gewaltige Wampe selbstbewusst vorgestreckt, sie zum Kuss zu sich herabzieht, befindet er...
