Annie Ernaux aus dem Waldviertel

Ödön von Horváths Volksstück «Geschichten aus dem Wiener Wald» von Rieke Süßkow als Frauenhass-Etüde am Wiener Volkstheater, lynn t musiols lesbische Missbrauchsgeschichte «Lecken 3000» im Burgtheater-Vestibül

Theater heute - Logo

Ödön von Horváth kannte den Begriff Femizid zwar noch nicht, war aber in seinen Stücken sehr präzise in der Beschreibung, wie Frauen, die aus ihren angestammten Rollen entfliehen möchten, systematisch in den psychischen und physischen Untergang getrieben werden. Kate Mannes Definition von Misogynie trifft perfekt auf eine Marianne aus «Geschichten aus dem Wiener Wald» zu, in der die Geschlechter klare Rollenverteilungen haben: Frauen sind Gebende, nicht Nehmende.

Die australische Philosophin Manne beschreibt Misogynie als strukturelles Machtinstrument patriarchaler Herrschaft: Frauen, die verweigern, den Männern Anerkennung und Fürsorge zukommen zu lassen, von denen diese überzeugt sind, dass sie ihnen zusteht, werden bestraft. In traditionellen Inszenierungen von «Geschichten aus dem Wiener Wald» blitzen diese glasklar-brutalen Frauenhass-Sätze, die auf Disziplinierung und Vernichtung von selbstbestimmter Weiblichen aus sind, wie dunkel leuchtende Diamanten in einer schunkelnden Wiener Walzer-Gemütlichkeit auf. Oskars Drohung an Marianne «Du wirst meiner Liebe nicht entgehen» liest sich ohnehin wie ein Stehsatz aus einem Lehrbuch über Femizide.

In einem Gespräch mit dem ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Februar 2026
Rubrik: Aufführungen, Seite 22
von Karin Cerny

Weitere Beiträge
New Age und Antike

Davon hätte Schiller nicht geträumt. «(What You’ll Find) On the Way to Becoming» des Regieduos Ta-Nia, Talia Paulette Oliveras und Nia Farrell, betrachtet die Schaubühne als esoterische Anstalt. Rund ab der Hälfte ihrer Inszenierung wird die Schiffbau-Box zur spirituellen Heilpraxis: «Keine*r verlässt diesen Ort, so wie er*sie gekommen ist», droht die vollmundige...

Das Grinsen der Katze

Traumtänzerisch bewegt sich der nackte Simon Werdelis über die Bühne. Es ist fast schon ein Naturereignis, wie er mit seiner expressiven Körperlichkeit naiv kokett den Rest der ebenso männlichen Besetzung um den Fingern wickelt. Daniela Löffners Dresdener «Lulu»-Inszenierung von 2023 öffnete für Werdelis noch einmal neue Seiten seines Spiels, auch weil die...

Der Spar-Überfall

Theater heute In Berlin haben wir ja Erfahrung mit äußerst kurzfristigen Sparmaßnahmen, die im Dezember beschlossen werden und ab Januar gelten sollen – nun hat es auch Stuttgart ereilt. Was genau ist da passiert?
Kosminski Das lief tatsächlich ziemlich überfallartig, d.h. die Politik hat vorab gar nicht das Gespräch mit uns gesucht. Die Kommunikation lief nur...