Amsel und Schnecke
Vielleicht wäre der Sache gedient, wenn die Menschen ganz einfach Bäume würden? In diese Richtung jedenfalls geht der Wunsch von Pinoc -chio, wenn die blaue Fee ihm einen freihält, und auch Meister Gepetto scheint sich ganz wohl -zufühlen als Pinie, in die er sich nach seinem menschlichen Ableben (in Abweichung zum Vorbild von Carlo Collodi) verwandelt hat. «Sieht ganz danach aus, dass der Schüler den Meister belehrt», kommentiert das die Schnecke. «Manchmal steht in Märchen auch einfach nur Unsinn», stellt die Amsel klar.
Amsel und Schnecke führen durch die Geschichte, als Erzählerinnen und Repräsentantinnen kontrastierender Weltanschauungen: die Amsel, die alles überfliegen möchte und vor Ungeduld heftig mit den Flügeln schlägt, wenn die Schnecke mal wieder nicht vorwärtskommt – der Schauspieler Kay Kysela ruckelt mit dem Kopf und zuckt mit den gefiederten Armen, es ist eine Augenweide. Deborah Macauleys Schnecke wiederum schleimt aufreizend gechillt und geschmeidig über die Bühne und gibt gern Lebensberater-Weisheiten zum Besten («Schließ deine Augen, atme tief ein und aus»). Sie steckt in einem glamourösen Glitzerkostüm mit Spiralhaushaube, das zwar nur trippelnde ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute 1 2023
Rubrik: Chronik, Seite 62
von Andreas Klaeui
Gute Sache erstmal, keine Frage. Über 1300, zum Teil hochprominente deutschsprachige Theaterkünstler:innen bekennen sich in einer Resolution solidarisch mit den Aktionen der «Letzten Generation», die sich auf Autobahnen oder an berühmten Kunstwerken festklebt, um auf die Klimakatastrophe aufmerksam zu machen, in die wir alle reinsteuern, wenn wir nicht schnellstens...
Die Zeit scheint einen Augenblick stillzustehen im rasanten Lauf der Ereignisse: wenn Sylvana Krappatsch als Annette aus ihrem Schatten heraustritt, ihm sachte zuwinkt, dann mit kleinen, aber kräftigen Flatterbewegungen abzuheben, ja, einen winzigen Moment über dem Boden zu schweben scheint, als ziehe sie eine unsichtbare Hand am Schlafittchen nach oben – um sie...
Ganz am Ende dann gibt sich die Autorin zu erkennen, und in einem langen Monolog spricht sie von der Normalität, die sie sich wünscht in diesen Zeiten des Krieges, der Unordnung. Es sind ganz banale Dinge, die ihr einfallen: Einen neuen Vorhang will sie für die Wohnung kaufen, Stangen, an denen sie ihn anbringen kann. In die Stadt will sie fahren, shoppen, wieder...
